Frühlingsboten.

Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher nicht sein, die beiden Frühlingsboten, die dieser Tage den Weg ins Probelokal gefunden haben. Der Pikante von ihnen, das Schnittlauchöl, verfeinert Salate und Suppen. Und sein süßer Kompagnon, der Erdbeer-Vanille-Zucker, krönt Desserts oder Milchshakes.

Und doch haben sie einiges gemeinsam: Sie kündigen den Frühling an, brauchen nur wenige Zutaten und sind einfach herzustellen. Außerdem eignen sie sich für den eigenen Vorratsschrank genauso wie als Ostergeschenk.

Das Schnittlauchöl beeindruckt schon wegen der satten, tiefgrünen Farbe. Aber auch dank seiner Frühlingsnote, die viel subtiler ist, als die des aufdringlichen Bärlauchs. Kaum ein Salat, der derzeit nicht etwas vom Schnittlauchöl abbekäme, kaum eine Suppe, die nicht von ihm gekrönt würde.

Tiefgrün und fein aromatisch – das Schnittlauchöl

Der Erdbeer-Vanille-Zucker ist die Frühjahrsversion meines Dauerbrenners im Vorratsschrank, dem klassischen Vanillezucker. Den Unterschied machen die getrockneten Erdbeeren, bei den Trockenfrüchten im Supermarkt zu finden sind. Ein paar davon dürfen zu den Vanilleschoten und zum Zucker in den Mixer. Dadurch versüße ich mir die furchtbar lange Wartezeit auf frische Erdbeeren.

Ein hocharomatischer Vorbote des Frühlings: Erdbeer-Vanille-Zucker

In wenigen Schritten zum Ziel
Für das Schnittlauchöl den Schnittlauch kleinschneiden und in einen Standmixer geben. Öl auf ca. 60°C erwärmen, zum Schnittlauch gießen und fein mixen. Auskühlen lassen und in ein sehr feines Sieb gießen. Nicht durchdrücken, sondern geduldig warten, bis es nach wenigen Stunden von alleine durch das Sieb getröpfelt ist. In kleine Fläschchen gießen und mit Alufolie umwickeln – das Öl ist lichtempfindlich. Kühl stellen und im Laufe dieses Frühlings verbrauchen.

Für den Erdbeer-Vanille-Zucker die Erdbeeren und die grob gehackte Vanilleschote mit 150 g des Zuckers in den Standmixer geben und fein mahlen. Unter den restlichen Zucker mischen und in Gläser abfüllen. Kürzlich habe ich einen Löffel des Zuckers auf ein Panna Cotta mit weißer Schokolade gestreut und eine Ahnung von der Notwendigkeit des bevorstehenden Frühlings bekommen.

Die Zutaten im Mixer, bevor sie kleingemacht werden.

Fragwürdig-schöne Musik
Musikalisch wurde die Zubereitung diesmal von der längst aufgelösten Band „The Smiths“ umrahmt. Sie zählt zu den ganz Großen im Probelokal-Archiv. Dabei gab es das Quartett nur zwischen 1982 und 1987. Aber das unverwechselbare Gitarrenspiel von Johnny Marr und die Stimme von Steven Patrick Morrissey haben der Band einen festen Platz in der Indie-Musikgeschichte gesichert.

Der aus Manchester stammende Morrissey ist längst zur Kultfigur geworden. Viele Fans verehren den „Papst der Einsamkeit“ wegen seiner melancholischen Texte. Doch immer mehr öffentliche Äußerungen sind rätselhaft und zynisch, der kompromisslose Veganer hat den Brexit bejubelt und lässt sich von mancher Verschwörungstheorie einlullen, etwa bei seinem aktuellen Titel „Notre Dame“.

Was tun, wenn ein geschätzter Künstler vom Weg abzukommen scheint? Verstoßen, ignorieren oder einfach weiterhören? Das dachte ich mir, als ich Morrissey kürzlich wieder einmal live erleben konnte. Während Künstler/innen wie Nick Cave, Debbie Harry oder Campino würdevoll zu altern scheinen, ja sogar reflektiert und weise werden, wirkt Morrissey immer zynischer und kauziger.

Aber damit ist er auf unserer Welt ja in guter Gesellschaft. Selbst Didi Hallervorden, hochgeschätzter Komiker aus meiner Kindheit, fällt zunehmend durch fragwürdige Aussagen auf. Während er sich als Friedensaktivist gerierte, fühlte er sich bemüßigt, die Völkerrechts-Widrigkeit des russischen Angriffs auf die Ukraine zu relativieren. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Palim, palim.

Auch mit Morrissey bleibe ich in kritisch-distanzierter Verbundenheit. Nach seinem Zürich-Konzert entdeckte ich die großartigen Songs aus der Blütezeit seiner Ursprungsband „The Smiths“ wieder, etwa There Is a Light That Never Goes Out, Ask, The Boy With The Thorn In His Side oder das wunderbar smoothe und gleichzeitig melancholische Heaven Knows I’m Miserable Now. Ein Glück, dass es diese Lieder gibt.

„As you know: Nobody suffers as I do“: Morrissey leidet in Zürich

Sie alle sind auf dem Album „The Very Best Of“ enthalten, das erst 14 Jahre nach Auflösung der Band erschienen ist. Von der Musikpresse wurde dieses Album als reine Geldmacherei kritisiert, und sogar Morrissey und Johnny Marr distanzierten sich von der Veröffentlichung und rieten den Fans, es zu ignorieren. Für einmal stur wie Morrissey, habe ich die Empfehlung nicht befolgt.

Nun übe ich mich beim Smiths-Hören im Aushalten von Widersprüchen. Fröhlich und kritisch bleiben, ohne sich über jeden Fehltritt oder jedes fragwürdige Wort eines anderen aufzuregen: Das ist wohl eine Schlüsselübung unserer Zeit.

Zutaten:
Schnittlauchöl: 200 g Schnittlauch, 400 ml Rapsöl
Erdbeer-Vanille-Zucker: 30 g getrocknete Erdbeeren, 1 Vanilleschote, 500 g Kristallzucker

Musiktipp:
The Very Best Of von The Smiths aus dem Jahr 2001, Label WEA

Post Author: Dan

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