Wurzelbehandlung.

Manchen Wörtern tut es gut, eine neue Bedeutung verliehen zu bekommen. Dachte ich früher an Wurzeln, kam mir unweigerlich meine Zahnärztin in den Sinn. Doch seit ich diesen Winter dauernd Rote Bete zubereite, hat sich das Wort Wurzelbehandlung verwandelt. Es ist angenehm leicht geworden.

Außerdem liegt in der Zubereitung von Wurzelgemüse in dieser unübersichtlichen Zeit, in denen so viele Bälle gleichzeitig herumfliegen, die Steigerung des Bodenständigen. Schließlich essen wir etwas, das unter der Erdoberfläche wächst. Mehr Erdung geht nicht.

Und es gibt kaum etwas Einfacheres, als den intensivsten Geschmack aus dem saisonalen Gemüse zu holen: Schälen, in gleichmäßige Stücke schneiden, mit etwas Öl und Salz für knapp 30 Minuten bei 200° im Ofen schmoren, würzen, mit Brot genießen. Da kann nichts schiefgehen.

Egal ob Rote Bete, Karotten, Sellerie oder Schwarzwurzeln – schnappen Sie sich das, was der winterliche Wochenmarkt hergibt. Nur Pastinaken kann ich beim besten Willen nicht empfehlen, sie erscheinen mir so nutzlos wie Musik von Rod Stewart, Schneeregen oder Rosinen im Kaiserschmarren.

Wie im Gruselkabinett: Die Hände nach dem Schneiden der Roten Bete.

Lieblings-Wurzelgemüse
Ich beginne mit der Wurzelbehandlung und schäle zunächst mein liebstes Wintergemüse, die Roten Bete. Die Hände verfärben sich dabei bedrohlich rot. Sie könnten Einweghandschuhe dazu verwenden – das erscheint mir aber unangemessen, schließlich ist die Farbe bald wieder weg und bis dahin lassen sich frech gestimmte Familienmitglieder mit gruselig-roten Händen erschrecken.

Schneiden Sie das Gemüse in zentimeterdicke Spalten und marinieren Sie es mit einem Schuss Öl, Salz, Pfeffer und – falls vorhanden – etwas Thymian. Auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech backen die Roten Bete dann bei 200° Umluft für knapp 30 Minuten vor sich hin.

Ich nütze die Zeit, um ein Ei hart zu kochen und die Hälfte davon im hohen Becher mit Kren, Tahin, Knoblauch, Schalotte, Säure und Ölen sowie Salz und Pfeffer fein zu mixen. Die fertig gebackenen Roten Bete übergieße ich dann mit dieser aromatischen Marinade. Sie verleiht dem Gemüse eine erstaunliche geschmackliche Tiefe. Cremig ist sie, süß, salzig und auch noch leicht sauer. Verlangt da noch jemand nach Vitello Tonnato?

So sehen die Roten Bete nach dem Backen aus. Gerne werfe ich auch ein paar Zwiebelstücke aufs Blech.

Abschließend dekoriere ich mit den Sprossen und der zweiten Hälfte des Eis, das ich dazu fein hacke. Dann genieße ich dieses gesunde Jahresanfangs-Gericht. Natürlich flankiert von meinem Lieblingsbrot, sehr gut passen Walnussbrot oder Zwiebelbaguette.

Musik für die Zeit zwischen den Jahren
Der Anfang des Jahres ist wie dafür geschaffen, nach all den Festtags-Schlemmereien wieder das richtige Maß in der Küche zu finden. Und es ist auch die ideale Zeit, um die Musiksammlung zu sortieren und Alben wieder zu entdecken, die lange unberührt im Regal standen. Bei mir war das etwa „Stories Yet To Tell“ von Norma Winstone, Klaus Gesing und Glauco Venier. Schon das Cover erinnert an den Blick aufs Wasser in dieser wunderbar tristen Zeit des Jahresanfangs. Und erst recht Lieder wie The Titles.

Was 2026 wohl bringen wird?
Weltpolitische Aufregung ist garantiert. Putin und nun auch Trump fürchten ein starkes Europa und wollen es auseinanderdividieren. Unterstützt werden sie dabei auch von unseren falschen Patrioten am rechten politischen Rand. Sie profitieren noch von Abstiegsangst, Zuwanderungssorgen und Teuerung, enttarnen sich aber längst als Verräter unserer Werte und unseres Wohlstands. Gerade jetzt brauchen wir Zusammenhalt in einem Europa, das gemeinsam die großen Themen angeht – Digitalisierung, Verteidigung, Migration – und entschlossen gegen die Demokratiefeinde innen und außen auftritt. Ich habe das Gefühl, dass sich immer mehr Europäer dessen bewusst werden.

Auf diesem Weg werden uns 2026 einige Großereignisse unterhalten, etwa die Olympische Winterspiele, die Fußball-WM und der Songcontest in Österreich. Auch hier ist zwar Kopfschütteln angesagt, wenn Länder wie Spanien ihre Teilnahme am Songcontest wegen Israels Mitwirken absagen, gleichzeitig aber kein Problem damit zu haben scheinen, bei der Fußball-WM gegen alles andere als demokratisch regierte Länder wie Saudi-Arabien oder Iran anzutreten. Das zeigt mir, dass die Extremisten – egal ob rechts oder links im politischen Spektrum – verlässlich falsch abbiegen. Die vernünftigen Kräfte mögen vernünftig bleiben und sich nicht von den Extremisten einlullen lassen.

Es wird schon alles gut gehen. Positiv ist schon einmal, dass es nur so vor gutem Essen und guter Musik wimmelt. Der Spielraum für das gute Leben ist zum Glück groß, ihn sollte man trotz aller Widrigkeiten auch 2026 nutzen.

Man kann die Marinade auch gleich unterheben – sieht nicht so schön aus, schmeckt aber großartig.

Zutaten für 2 hungrige Personen:
700 g Rote Bete, zum Backen etwas Salz, Pfeffer, Öl und Thymian; für die Marinade 1 Ei, 1 TL gerissenen Kren, 1 TL Tahin, 1 Zehe Knoblauch, 1 kl. Schalotte, 2 EL Zitronensaft, 2 EL Essig, 4 EL Rapsöl, 4 EL Walnussöl, Salz und Pfeffer, ein paar Sprossen zum Dekorieren

Musiktipp:
Album „Stories Yet To Tell“ von Norma Winstone, Klaus Gesing und Glauco Venier aus dem Jahr 2010, Label ECM

Post Author: Dan

2 Replies to “Marinierte Rote Bete”

    1. Die Frage ist überhaupt nicht blöd. Vorkochen ist nicht nötig, die Hitze des Backofens genügt, um den Randig weich zu bekommen. Liebe Grüße!

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