Ein Teller zum Durchhalten.

Ob wir wollen, oder nicht – die heurige Fastenzeit hat es in sich. Es geht derzeit nicht um lustvolles Einkaufen auf dem frühlingshaften Wochenmarkt. Auch nicht um saftigen Braten oder Schokoladen-Mousse. Vielmehr darum, eine schwierige Lebensphase in Würde und Solidarität zu meistern. Wenigstens helfen Linsen, Gemüse-Pfannkuchen und Nick Cave durch die Krise.

Es sind ungewohnt knifflige Wochen für gesättigte Wohlstandsbürger. Wir müssen aushalten, dass das Leben lebensgefährlich ist. Papst Franziskus brachte es bei seiner denkwürdigen Andacht auf dem menschenleeren Petersplatz auf den Punkt: „Tiefe Finsternis hat sich auf unsere Plätze, Straßen und Städte gelegt. Sie hat sich unseres Lebens bemächtigt und alles mit einer ohrenbetäubenden Stille und einer trostlosen Leere erfüllt, die alles im Vorbeigehen lähmt.“

Deshalb handelt es sich beim aktuellen Gericht im Probelokal um eine fast fleischlos gewordene Durchhalteparole. Sie ist einfach, aber sehr schmackhaft: Die Zutaten sind preiswert, krisenresistent und in vielen Vorratsschränken zu finden. Linsen, Gemüse und Dinkelmehl geben nicht nur Kraft, um die Situation anständig zu meistern. Sondern auch, damit sich das kritische Denken nicht auch noch in Quarantäne begibt.

Da kommt Vorfreude auf: Linsen und Gemüse-Pfannkuchen glänzen mit dem Teller um die Wette.

Auf den Rechtsstaat aufpassen
Denn den wachen Blick auf die Welt braucht es auch in der Krise. Schließlich wurde der Rechtsstaat aus gesundheitlichen Gründen über Nacht teilweise aufgegeben. Klar, auch im Probelokal werden nach anfänglicher Irritation über die Schärfe der Maßnahmen die Anordnungen befolgt. Dennoch gilt es, wachsam zu sein – ich will jedenfalls alle Freiheiten so rasch wie möglich wieder zurück. Und wünsche das auch allen Ungarn oder Polen.

Wachsam sein sollten wir auch bei der Fülle an Geschichten, die auf sozialen Medien geteilt werden. Dort darf in der Krisen-Langeweile jeder seinen Senf dazugeben, selbst wenn es eine krude Verschwörungstheorie ist. Der Schriftsteller Botho Strauß nannte das Internet einmal ein „Logbuch einer weltweiten Mitteilungsinkontinenz“ und schrieb von einem „All, das von jedermanns erbrochenem Alltag erfüllt ist“. Sollte es dereinst wieder eine Krise mit Einschränkungen geben, dann wünsche ich mir Restriktionen der digitalen, sozialen Medien – aber nicht des wahrhaftigen Lebens. Eine Posting-Pause täte manchen gut.

Heuchelei-Alarm
Und ein kritischer Blick gebührt auch den Supermärkten, deren Marketingabteilungen sie derzeit als Retter der Nation inszenieren. Mein großer Respekt gilt zweifellos den mutigen Mitarbeitern in den Märkten, die Regale nachfüllen, kassieren oder Einkaufswägen desinfizieren. Doch ich bezahle in der Krise keinen Cent weniger, und die Kassen klingeln lauter, als an Advent-Samstagen. Erst wenn sich die Löhne der Marktmitarbeiter dauerhaft erhöhen und wenn auch Landwirte und Kleinproduzenten für ihre Lieferungen ordentlich bezahlt werden, ersticke ich meinen aufkeimenden Verdacht der Heuchelei.

Und außerdem wäre ich für Solidar-Abgaben an kleine Betriebe: Denn in großen Supermärkten werden natürlich nicht nur Nudeln und Toilettenpapier verkauft, sondern Spielwaren, Bücher und Gartenartikel. Das ist ein Stich ins Herz eines jeden Konsumenten, der gerne die spezialisierten, kleinen Buchhandlungen oder Gärtnereien unterstützt, die ihre Geschäfte geschlossen halten müssen.

Fast fleischlos
Damit ich nicht allzu oft ins Einkaufsgeschehen eingreifen muss, gibt es heute ein Gericht mit feinen Zutaten, die im Vorrats- und Kühlschrank herumliegen. Etwa Dinkelmehl oder angeschnittenes Gemüse. Oder getrocknete Linsen, die sich mit dem heutigen Rezept fast wie von selbst auf die richtige Konsistenz schmoren. Verfeinert mit ein wenig Speck, der Fleischtigern zwar das Gefühl gibt, Fleisch zu essen, dabei aber nur in großzügigen homöopathischen Dosen in Erscheinung tritt (Vegetarier lassen ihn natürlich ganz weg und erzielen dennoch ein gutes Ergebnis).

Gemüse, Speck und Linsen werden im Schmortopf angebraten.

Zunächst geht es an die Linsen. Dazu schneiden Sie das Gemüse – mit Zwiebel und Knoblauch – sowie den Speck in kleine Würfel. In einem ofenfesten Topf braten Sie diese in einem Schuss Olivenöl an und geben Kräuter sowie Linsen dazu. Rühren Sie um, bevor Sie mit Suppe aufgießen und die Mischung aufkochen. Dann ziehen Sie den Topf vom Herd, geben den Deckel drauf und befördern ihn bei 140 Grad Umluft in den Backofen. Dort schmoren die Linsen für eine Stunde und rühren zwischendurch zwei- bis dreimal durch. Am Ende schmecken Sie die Linsen mit Olivenöl, Essig, Salz und Pfeffer ab.

Das gebratene Gemüse wird untergerührt.

Während die Linsen im Ofen schmoren, bereiten Sie die pikanten Pfannkuchen zu. Das fein gehackte Gemüse wird in einer beschichteten Pfanne in Olivenöl angeschwitzt, leicht gesalzen und gepfeffert. Die Eier werden mit Milch, Rahm, Salz, Pfeffer und etwas geriebener Muskatnuss mit einem Schneebesen verquirlt, über das Mehl gegossen und mit den Gemüsewürfeln gut durchgerührt. Lassen Sie in einer beschichteten Pfanne etwas Butterschmalz zergehen und backen Sie kleine Pfannkuchen heraus. Wer gut aufgelegt ist, wendet sie mit einem schwungvollen Wurf in die Luft. Dann wird mit etwas Schnittlauch und mit ein paar gebratenen Speckstreifen dekoriert und serviert.

Die kleinen Pfannkuchen werden beidseitig angebraten. Die Wende steht hier noch aus.

Nick Cave unterstreicht die Stimmung
Wie immer wird das Rezept im Probelokal von einem Musiktipp flankiert. Partysound wäre jetzt fehl am Platz, zum Feiern ist mir nicht zumute. Klar, viel lieber würde ich um diese Jahreszeit in alter April-Tradition den Titel „Frühling“ der Sportfreunde Stiller aus den Boxen donnern lassen: „Und ich wart mal wieder auf den Frühling, man kann nicht nur traurige Lieder singen“ heißt es dort. Oder wie schön wäre es jetzt, bei aufkommender Frühlingsstimmung „Holiday“ von Vampire Weekend oder „Times Like These“ von den Foo Fighters zu schmettern.

Aber das geht jetzt nicht. Alles zu seiner Zeit! Es ist nun einfach einmal zäh und das Durchschreiten der Talsohle ist anständig auszuhalten. Im Vertrauen, dass wieder bessere Zeiten kommen, suhle ich mich im Sound von Nick Cave. Der australische Musiker und Schriftsteller lässt trübe Stunden einfach trüb sein. Und sein Nachname steht für die Höhle, in die wir uns gerade zurück ziehen mussten.

Sein aktuelles Album „Ghosteen“ lässt fast sakrale Stimmung aufkommen. „Bright Horses“ ist für mich eine Hymne für diese Corona-Krise geworden, „Waiting For You“ steht dem nicht um viel nach. Bitter, dass ich die Karte für sein Konzert im Juni wohl in den Wind schießen kann. Aber vielleicht können wir dann wenigstens wieder fröhliche Lieder singen.

Bleiben oder werden Sie gesund – und wahren Sie eine gewisse Gelassenheit. Der Papst hat erstmals das letzte Wort in einer Rezeptgeschichte des Probelokals. „Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern.“ Das machen wir.

Zutaten für vier Personen:
Geschmorte Linsen aus dem Ofen: 300 Gramm Linsen (am besten Berg-, Puy- oder Beluga-Linsen), 50 Gramm Speck, 1 Zwiebel, nach Belieben 50 Gramm gehacktes Gemüse (zB Sellerie, Karotten oder Fenchel),  1 Knoblauchzehe, nach Belieben getrocknete oder frische Kräuter (Rosmarin, Oregano), 730 Milliliter Suppe (Gemüse-, Hühner- oder Rindssuppe), 2 Esslöffel Olivenöl zum Anbraten und 2 weitere zum Abschmecken, 1 Esslöffel Balsamico-Essig, Salz und Pfeffer, zum Servieren evtl. ein paar Speckstreifen und Schnittlauch

Gemüse-Pfannkuchen: 1 Zwiebel, 1 Knoblauchzehe, 200 Gramm Ihres Lieblingsgemüses (zB Fenchel, Paprika, Sellerie, Champignons), Olivenöl, 300 Gramm Dinkelmehl, 4 Eier, 400 Milliliter Milch, 150 Milliliter Rahm, Salz, Pfeffer, Muskatnuss, Butterschmalz

Musik:

„Ghosteen“, das 17. Studioalbum von Nick Cave and the Bad Seeds

Post Author: Dan

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