Die neue Nachtisch-Normalität.

Die neue Normalität – überall ist von ihr die Rede, die politischen Marketingabteilungen haben ganze Arbeit geleistet. Ich will sie erst gar nicht einkehren lassen. Stattdessen arrangiere ich mich für eine gewisse Zeit mit dem Ausnahmezustand. Nur in meiner Küche scheint eine neue Normalität angekommen zu sein: Sie zeigt sich in der Häufigkeit selbstgemachter Desserts.

Denn Krisenzeit ist Nachtischzeit: Um angesichts der Nachrichtenlage halbwegs gut gelaunt über die Runden zu kommen, sollte man sich dann und wann ein feines Dessert gönnen. Erstens, weil die Zubereitung Freude bereitet. Zweitens, weil der Genuss fröhlich stimmt. Und drittens, weil jetzt der falsche Zeitpunkt ist, um das Körpergewicht zu reduzieren. Denken Sie nur an den Mindestabstand in den Freibädern! Auf die Ferne wird man den Speck an den Hüften nicht entdecken.

Schlicht und gut: Freuen Sie sich auf das Ergebnis. Zur Not kann man auch zwei Portionen essen. Notfalls auch ohne Not.

Deshalb lief das Nachtisch-Probekochen in den zurückliegenden Wochen des Lockdowns auf Hochtouren. Ich versuchte mich an Panna Cotta aus weißer Schokolade, Nougat-Mousse und einer Bayerischen Crème mit karamellisiertem Rhabarber. Das Rennen um das heutige Rezept machte dann aber ein bodenständiger Klassiker der süßen Küche – der Grießflammeri. Flankiert von einer intensiven Erdbeer-Sauce.

Ein Blick auf die Erdbeeren, die bald zur Sauce werden.

Den Corona-Arrest versüßen
Wenn es an die Dessert-Produktion geht, kommt garantiert ein Kind des Weges. Natürlich nicht nur, um beim Schmelzen der Schokolade oder beim Rahm-Schlagen mitzuhelfen. Sondern auch, um zwischendurch großzügige Qualitätskontrollen durchzuführen. Diesmal war es meine elfjährige Tochter, die in der Küche das nahende Ende des Homeschoolings zelebrierte. Emilias Corona-Arrest bestand nicht nur aus Mathematik, Musik und Englisch, sondern auch aus und unzähligen TikTok-Tanzeinlagen und gelegentlichen Koch-Einheiten.

Im Probelokal erfahren Tochter und Vater interessante Fakten über die Zutaten. Etwa, dass Grieß im Grunde nichts anderes ist als grobes Mehl. Dass Gelatine aus ausgekochten Tierknochen hergestellt wird – ein Thema, das die junge Teilzeit-Vegetarierin natürlich leicht irritiert. Und einig sind wir uns darin, dass frisch geerntete Erdbeeren vom nächstgelegenen Obstbauern deutlich besser schmecken, als die herangekarrten Früchte aus spanischen Gewächshäusern. Sie verwandeln wir zur süß-sauren Sauce. Aber erst, wenn der Grießflammeri unter Dach und Fach ist.

Feuer und Flammeri
Kochen Sie dazu die Milch auf, rühren Sie den Grieß mit der Prise Salz und dem Orangen-Aroma ein. Die Mischung lassen Sie bei niedriger Temperatur quellen und dann auskühlen. Weichen Sie die Gelatine in kaltem Wasser ein. Dann rühren Sie die Eidotter, den Zucker und den Vanillezucker über Dampf schaumig. Im erwärmten Orangenlikör lösen Sie die ausgedrückte Gelatine auf, um sie danach unter die Ei-Zucker-Masse zu rühren.

Aus drei Massen wird gleich eine: Die aufgeschlagene Ei-Zucker-Mischung, der Rahm und der eingekochte Grieß (v.l.).

In die Grießmasse rühren Sie zuerst die Ei-Zucker-Masse und dann den geschlagenen Rahm. Achten Sie darauf, dass nicht zu viele kleine Grießklumpen bleiben, bevor Sie die Masse schließlich in Förmchen füllen, abdecken und im Kühlschrank fest werden lassen.

Gekrönt wird der Grießflammeri von der süß-sauren, ausgesprochen aromatischen Sauce. Dazu lassen Sie den Zucker vorsichtig schmelzen und löschen mit Zitronensaft ab. Vorsicht – das zischt! Geben Sie die gewaschenen und geschnittenen Erdbeeren dazu und lassen Sie die Mischung zwei Minuten leise köcheln. Mit einem Schuss Orangenlikör können Sie den Geschmack abrunden, bevor die weichen Erdbeeren püriert werden. Dann darf die Sauce abkühlen.

Süße Grüße
Meine Tochter machte den Vorschlag, die Masse statt in Pudding-Formen in Gläser mit Schraubverschluss zu füllen, um sie dann ein paar netten Menschen in ihrer Isolation vor die Tür zu stellen. Nach dem Abkühlen der Grießmasse gossen wir die Erdbeer-Sauce darüber, schraubten den Deckel zu und fuhren im Stile eines Lieferdienstes in den angebrochenen Frühlingsabend hinaus.

Ready to deliver: Das Dessert im Glas. Man könnte auch Dosenschießen.

Dabei lauschten wir der Sängerin „Yola“, einer englischen Musikerin, die früher als Background-Sängerin von Massive Attack wirkte und im Vorjahr ihr eigenes Album namens „Walk Through Fire“ veröffentlichte. Wir stellten fest, dass Yolas Titel „Ride Out In The Country“ der ideale Soundtrack warmer Frühlingstage ist. Diese Frau hat eine fantastische Stimme. Und Fußball-Nostalgiker werden sich beim Anblick ihrer Frisur an Carlos Valderrama erinnert fühlen.

Für Emilia klang Yola dann doch etwas zu langweilig: „Mann Papa, schon wieder dieser Folk!“ Sie verriet mir stattdessen die Titel ihrer aktuellen Lieblingshits, die ich derzeit immer wieder mithöre, wenn die TikTok-Filmproduktion läuft: „Break My Heart“ von Dua Lipa, „Greedy“ von Ariana Grande und „Say So“ von Doya Cat. Als ich elf Jahre alt war, dominierten Roxette und Dr. Alban die Charts. Der Musikgeschmack ändert sich. Aber The Look und Hello Africa kann ich heute noch auswendig.

Zutaten für acht Gläschen:
Grießflammeri: 4 Eidotter, 110 Gramm Zucker und 20 Gramm Vanillezucker, 500 Milliliter Milch, Prise Salz, etwas Orangenöl oder abgeriebene Schale einer Bio-Orange, 130 Gramm Grieß, 4 Blatt Gelatine, ein Schuss Orangenlikör, 450 Milliliter Rahm
Erdbeer-Sauce: 300 Gramm Erdbeeren, ein Esslöffel Zucker, Saft einer halben Zitrone, ein Schuss Orangenlikör
Übrigens: Sie können auf den Orangenlikör natürlich verzichten – beim Grießflammeri können Sie die Gelatine auch in wenig erwärmtem Rahm auflösen. Und bei den Erdbeeren einfach ersatzlos streichen!

Musik:
Album „Walk Through Fire“ aus dem Jahr 2019 von Yola, Label Easy Eye Sound/Nonesuch

Post Author: Dan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may also like

Hereinspaziert und ausprobiert

Willkommen in Dan’s Probelokal!
Auf dem Menüplan dieses Online-Lokals stehen stets frische Rezeptgeschichten. Als Beilage gibt es musikalische Entdeckungen und kritische Blicke auf unsere Gesellschaft.

Newsletter-Anmeldung
Wer sich für den Newsletter anmeldet, bekommt die Rezeptgeschichten immer vorab, frisch und heiß serviert. Senden Sie einfach eine E-Mail mit Betreff „Newsletter” an dan@probelokal.com. Ihre Adresse wird natürlich nicht weitergegeben. Bis bald!

Folgen Sie Dan’s Probelokal

Aufgewärmt

Gulaschsuppe

Vor einem Jahr fragte mich Matt aus Seattle, der in den 90ern ein Schuljahr mit mir verbrachte, nach einem Gulaschsuppen-Rezept. Gerne habe ich es ihm über den Ozean gesendet. Wir beide freuen uns dieser Tage nicht nur über den Regierungswechsel in Washington, sondern auch über einen heißen Teller Austrian Soup mit alternativem Rock von der Nordwestküste.

Oder: Grieß-Soufflé

Machen Sie es doch genauso, wie Frau Holle derzeit: Produzieren Sie jede Menge Schnee! Eischnee, meine ich. Denn dann wird dieses winterliche Grieß-Soufflé locker-leicht und unwiderstehlich. Die Details dazu stehen in der Rezeptgeschichte vom Februar 2019.

Oder: Mazerierte Orangen

Wenn nach den Festtagen die Hose spannt, weil Braten, Mayo-Salat und Kekse wieder einmal so gut geschmeckt haben, dann empfiehlt sich eine gesunde Jahresanfangs-Jause. Diese mazerierten Orangenfilets sind darüber hinaus ein Geschmackswunder. Wie Sie sie zubereiten, steht in der Rezeptgeschichte vom Jänner 2019.

Zweite Wahl

Im Probelokal werden viele Rezepte ausprobiert. Doch nicht aus jedem wird eine eigene Geschichte, weil schlicht die Zeit dazu fehlt. Deshalb sehen Sie hier wechselnde Gerichte zweiter Wahl.

Falls ich Ihnen ein Rezept dieser Spalte senden soll, dann schreiben Sie mir: dan@probelokal.com. Und wenn Sie wollen, dann spenden Sie als Gegenleistung dem Verein „Herzkinder Österreich” ein paar Euro. Vielen Dank!

Sellerie-Suppe

Mit dem Sellerie in der Küche verhält es sich irgendwie so wie mit dem Bassisten einer Band: Solo mitunter mühsam zu ertragen – aber ohne ihn läuft gar nichts! In dieser Suppe spielt der Sellerie ausnahmsweise die erste Geige. Wenigstens einmal im Jahr!

Oder: Gebackene Kräuterseitlinge

Wenn ich auf einer etwas altbacken wirkenden Speisekarte eines Gasthauses von gebackenen Pilzen lese, kann ich nicht widerstehen. Da aber selbst altbackene Gasthäuser derzeit geschlossen haben, musste ich mir selber welche backen. Und zwar winzig kleine Kräuterseitlinge aus biologischem Anbau – herrlich!

Oder: Heißes Sauerkraut

Ich ess’ so gerne Sauerkraut und tanz’ nicht gerne Polka. Ins herrliche Winter-Essen gehören knusprige Speckwürfel, Wacholderbeeren, Lorbeer und Kümmel. Und zum ganz großen Glück braucht es als Beilage nur noch knuspriges Laugengebäck.

Oder: Kürbis-Hummus

Die levantische Küche setzte in den letzten Jahren die Trends – und die Kochbücher quollen über mit Rezepten für Hummus, Shakshuka oder Falafel. Doch spätestens dann, wenn sogar in Dorfgasthöfen mit Kichererbsen, Knoblauch und Kreuzkümmel gekocht wird, zeichnet sich das Ende dieses Food-Trends ab. Bevor es soweit ist, gibt es im Probelokal ein herrliches Kürbis-Hummus mit einer Extra-Portion geräuchertem Paprikapulver.

Oder: Pommes Frites

Hausgemachte Pommes Frites sind eine Attraktion. Und sie schmecken um Längen besser, als ihre industriellen Verwandten aus dem Gefrierschrank. Vor allem, weil man zuhause alle Vorlieben exakt steuern kann – so werden die Pommes dick geschnitten, dunkelgoldig gebacken und natürlich scharf gewürzt, und zwar mit geräuchertem Paprikapulver, grobem Pfeffer und Salz. Ein Leibgericht!

Rezept-Geschichten

Erinnerungen

Im Juni vor sieben Jahren:
ZEIT-Magazin-Kochwettbewerb

(Foto: Sina Görtz für das ZEIT-Magazin)

Im Juni 2013 bestritten Schwägerin Sonja und ich im Stuttgarter Hotel am Schlossgarten das Finale des ZEIT-Magazin-Kochwettbewerbs. Gerne erinnern wir uns an diese Hitzeschlacht mit Happy End. Leider ist Wolfram Siebeck (ganz links) inzwischen verstorben – seine scharfen kulinarischen Kolumnen werden nicht nur im Probelokal vermisst. Den Bericht vom Kochwettbewerb finden Sie hier.