Pizza und Pop: Aerosole mio!

Österreichs Integrationsministerin hat mir vor wenigen Tagen das Stichwort für diese Rezeptgeschichte geliefert: Sie wolle keine China Towns oder Little Italys im Land, meinte sie. Ich fühle mich gefordert. Denn wenigstens a little bit of Italy will ich Ihnen schon bieten. Deshalb habe ich an der einfach besten Pizza gefeilt. Dazu singe ich ein Loblied auf den italienischen Godfather of Pop: Giorgio Moroder.

Gute Pizza und gute Popmusik haben einiges gemeinsam – sie sind appetitlich, schlicht, überfordern nicht und passen nur zu bestimmten Stimmungslagen. Außerdem tragen sie im Idealfall eine italienische Handschrift.

Da gibt es natürlich furchtbare Kombinationen, wenn ich etwa an eine billige Pizzeria in Bahnhofsnähe denke, auf deren speckiger Speisekarte Pizza mit geformtem Phosphat-Schinken und Industrie-Salami steht, süßer Lambrusco und vielleicht noch geschmacksneutrale Panna Cotta. Dazu trällern Italoschnulzen in Dauerschleife aus den verstaubten Boxen. Das Leben ist zu kurz für grausigen Schinken, schlechten Wein und dumpfen Sound. Deshalb kommt heute der Gegenentwurf aus dem Probelokal.

Ein Blick auf das Runde, Knusprige, Scharfe, das am Ende aus dem Backofen kommt.

The Godfather of Pop aus dem Grödnertal
Gute Popmusik klingt einfach. Doch mein Respekt gilt den Produzenten, die das Gespür für eingängige Hits haben. Giorgio Moroder ist so einer. Der gebürtige Grödner ist kürzlich 80 Jahre alt geworden. Viele Lieder begleiten uns, ohne dass uns bewusst ist, dass sie von ihm stammen. Die erste CD, die ich vor über 30 Jahren im Plattenschrank meiner Eltern entdeckte, war der Soundtrack zum Film „Flashdance“, und natürlich stammt er von Giorgio Moroder. Die Hits „What a Feeling“ und „Maniac“ kennen Sie bestimmt.

Er prägte die 80er mit Hits wie „Together In Electric Dreams“, der vom Sänger der Human League, Philipp Oakley, gesungen wurde. Bei diesem Sound muss ich unweigerlich an die Filme von Thomas Gottschalk und Mike Krüger denken. Und an Spiele-Abenteuer mit dem riesigen Commodore 64.

Ganz nebenbei hat Moroder auch einprägsame Titelsongs von Filmen geschrieben. Sänger Limahl sieht beim Song zu „Die unendliche Geschichte“ aus, wie die fleischgewordenen 80er Jahre. Für den Film „American Gigolo“ schrieb Moroder der Sängerin Blondie den Song „Call Me“ auf den Leib. Und „Take My Breath Away“ aus Top Gun kennen Sie bestimmt auch.

Emotionaler Höhepunkt ist die Schnulze „Un Estate Italiana“. Bei diesem offiziellen Song der Fußball-WM 1990 in Italien muss nur das Gitarren-Intro beginnen, und ich befinde mich in der heilen Welt der Kindheit: Sommer, Ferien, Fußball. Was für eine Fußball-Hymne, die Edoardo Bennato und Gianna Nannini da singen durften. Ich verstehe kaum ein Wort, trällere aber auswendig mit.

Moroders Sound beklagt keine Missstände und rettet auch bestimmt nicht die Welt. Doch gerade in krisenhaften Zeiten hat der Schlager stets Hochsaison. Er trägt zu einem guten Grundgefühl bei und lässt die Beine immerhin respektvoll mitwippen. Das ist an manchen Tagen sehr okay. Nicht jeder Song dieser Welt muss eine Offenbarung sein und zu Tränen rühren. Manchmal genügt ein schlichtes Wohlgefühl. Aerosole-mio!

Knusprig, angekohlt und scharf
Schlicht und fein muss auch die gute, alte Pizza sein. In den zurückliegenden Ferien tüftelte ich im Probelokal herum, bis sich die Pizza meines Vertrauens entpuppte: Dünn und knusprig muss sie sein, dezent angekohlt und eine Spur zu scharf. Und: Ohne Käse. Jawohl, liebe Gäste. Es mag verwundern, dass ein Vorarlberger keinen Käse auf die Pizza streut. Sogar der kalabresische Kellner staunte, als ich im Hinterzimmer seines Ristorantes am Ionischen Meer einmal eine scharfe Calabrese senza formaggio orderte. Ohne Käse. Molto bene war das.

Ein paar Ecken weiter wunderte sich der Kellner über meinen Sonderwunsch: Pizza Calabrese ohne Käse.

Solide Grundlage der Pizza – wie der Bass bei Moroders Musik – ist der Pizzateig. Nachdem ich mehrere Varianten ausprobiert habe, bin ich bei einer Empfehlung von Jamie Oliver hängen geblieben: Er verwendet eine Mischung aus backstarkem Weizenmehl und Hartweizengrieß.

Das große Kneten
Dazu löse ich die Trockenhefe und den Zucker im lauwarmen Wasser auf. Die Mischung darf ein paar Minuten rasten. Dann kommen Mehl, Grieß und Salz in eine Rührschüssel. Dazu gieße ich die Wasser-Hefe-Zucker-Mischung und einen kleinen Schuss Olivenöl. Das Verkneten erledigt am besten die Küchenmaschine, natürlich sind auch Ihre Hände dieser Aufgabe gewachsen. Rund zehn Minuten wird geknetet, damit ein glatter, elastischer Teig entsteht. Der wird dann mit etwas Mehl bestäubt, abgedeckt und für eine halbe Stunde zur Seite gestellt.

In der Zwischenzeit bereite ich den Belag vor. Grundlage ist eine simple Tomatensauce, für die ich die gehackte Knoblauchzehe in etwas Olivenöl anbrate und mit den Tomaten ablösche. Salz und Pfeffer dazu, und nach wenigen Minuten leisem Köchen schalte ich die Herdplatte aus und püriere die Mischung. Falls Sie sich über die helle Pizzasauce auf den Fotos wundern: Ich hatte kürzlich gelbe Tomaten zuhause, die verwertet werden wollten.

Chili oder Pfefferoni
Dann schneide ich den Belag zurecht: Zwei Chili- oder Pfefferoni-Schoten (ich kenne den Unterschied nicht, Hauptsache, sie sind scharf!) und genügend dünne Scheiben Salami. Achten Sie auf die Herkunft der Wurst, in billiger Salami steckt genau das Massentierhaltungsfleisch, das durch Skandale stets in den Mittelpunkt rückt, aber nach wenigen Wochen des Konsumenten-Schocks wieder übers Förderband läuft. Bio-Salami gibt es in guter Qualität auch im gewöhnlichen Handel.

Die Frau Mama bei der Arbeit – sonnenverwöhnte Kräuter werden winterfest gemacht.

Zur Krönung richte ich mir noch einen großen Löffel getrockneten Oregano her. Der wächst im Garten meiner Eltern. Und dort ist noch gegen alles ein Kraut gewachsen. Meine Mutter – Kräuterspezialistin seit Jahrzehnten – hat kürzlich einige Gläser mit getrockneten Kräutern aus dem Garten abgefüllt. Sie lagern wie kostbare Schätze in der Vorratskammer. Ein Löffel des würzigen Oreganos gehört für mich auf jede Pizza.

Fein, fein, der Pizzastein
Im Sommer habe ich mir einen Pizzastein zugelegt. Eine Investition, die sich lohnt. Die Pizza wird dadurch um ein Vielfaches besser! Der Stein wird einfach auf ein Gitter in den Backofen gelegt. Wichtig ist, den Stein frühzeitig aufzuheizen – deshalb schalte ich den Backofen zur Freude des örtlichen Stromanbieters schon über eine Stunde vor dem Essen ein. Und zwar auf hoher Stufe, mindestens 230 Grad sollten es sein.

Der Teig wird nun portioniert. Als Freund kleiner Pizzas forme ich zehn Kugeln, denn das führt zu viel knusprigem Rand. Außerdem können die kleinen Fladen mangels großer Pizzaschaufel besser manövriert werden. Auf einer bemehlten Arbeitsfläche rolle ich zunächst zwei Portionen zu dünnen Pizzaböden aus.

Mein neuer Freund, der Pizzastein.

Überladen bringt Schaden
Dann geht’s an den Belag. Eines vorweg: Weniger ist mehr. Stapeln Sie nicht zu viel Belag auf die Pizza. „Überladen bringt Schaden“, sagte schon Daniel, der technische Supporter dieser Seite, im Hauptberuf Facility Manager mit einschlägiger Stapler-Erfahrung.

Die ausgerollten Pizzaböden werden mit etwas Tomatensauce bestrichen und dann mit Salami belegt. Verteilen Sie die Salami bis an den Rand, denn beim Backen zieht sich die Wurst zusammen. Die Pizza soll ja nicht kleinhäuslerisch wirken, wenn sie aus dem Ofen kommt.

Zum Schluss kommen die dünn geschnittenen Pfefferoni, der getrocknete Oregano und der grob gemahlene Pfeffer darüber. Aber Vorsicht – falls Sie die Pizza Diavolo allzu scharf belegen, kommen Sie bei Ihren Gästen in Teufels Küche.

Eine der zehn kleinen Pizzas, die gleich auf den heißen Stein dürfen.

Was für ein Duft!
Jeweils zwei Pizzas schiebe ich nun auf den heißen Stein. Und schon nach zwei, drei Minuten verwandelt der charakteristische Pizza-Duft die ganze Wohnung in ein echtes Ristorante. Gleich darauf ist die erste Portion Pizza fertig. Währenddessen haben Sie bereits die zweite Portion vorbereitet. Und so setzen Sie das fröhliche Pizzabacken fort.

Am liebsten kröne ich die knusprige, scharfe Pizza mit ein paar Tropfen Zitronensaft und einem Spritzer Olivenöl. Dazu gibt es ein Glas Weißwein und natürlich Popmusik von Giorgio Moroder. Zum Little-Italy-Dessert sollten Sie sich übrigens ein Weiße-Schokolade-Panna-Cotta zusammen rühren.

Zutaten:
Pizzateig: 800 Gramm Weizenmehl, 200 Gramm Hartweizen-Grieß, 1 Teelöffel Salz, 2 kleine Packungen (je 7g) Trockenhefe, 1 Esslöffel Zucker, 650 Milliliter lauwarmes Wasser, 1 Esslöffel Olivenöl

Pizzabelag: Für die Tomatensauce ein halbes Kilo frische Tomaten oder – geht auch – 1 Dose Tomaten (ca. 400 Gramm), 1 Knoblauchzehe, Salz und Pfeffer; außerdem 150 Gramm aufgeschnittene Bio-Salami, 2 Pfefferoni, 1 Esslöffel getrockneten Oregano, Olivenöl, Saft einer halben Zitrone

Musik:
Alles Mögliche von Giorgio Moroder. Übrigens hat das französische Musikprojekt Daft Punk dem Godfather of Pop den Titel „Giorgio by Moroder“ gewidmet. Darauf erzählt Moroder über sein Leben. Hören Sie rein!

Post Author: Dan

One Reply to “Pizza Diavolo”

  1. Mi t so viel Liebe zum Detail, guten Tipps und Eigenerfahrung steht die selbstgemachte Pizza ganz oben auf der Liste. Ich hab im Garten grad so viele Auberginen, dass es bei uns heute einen Eintopf gibt. Die Musik muss ich dazu noch finden 👍. Danke für die Inspirationen. Tanja

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