Der Besuch des
missmutigen Zwergs.

Zu diesem besonderen Jahreswechsel muss ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen – ausnahmsweise enthält sie kein Rezept. Denn kürzlich bekam ich im Probelokal ungewöhnlichen Besuch von einem missmutigen Zeitgenossen. Was mit einer Schimpftirade über 2020 begann, endete mit einem versöhnlichen Ausblick.

Sie wissen ja längst, dass das Probelokal kein echtes Gasthaus ist. Es existiert nur online, um selbst in Zeiten der Pandemie Kulinarik, Musik und eine Spur Gesellschaftskritik zu verbinden. Umso mehr wunderte ich mich, als kürzlich mitten im Lockdown ein wahrhaftiger Gast vor meiner Tür auftauchte: Ein missmutiger Zwerg! Er wollte dem Jahr 2020 nochmals ordentlich die Meinung pfeffern. Ganz unrecht hat er ja nicht: Gut, dass dieses Jahr vorbei ist!

Wie mir der Zwerg versicherte, gilt sein Ärger dem Virus und seinen Verursachern, aber auch den unsympathischen Folge-Erscheinungen der Pandemie: Den Verharmlosern und Panikmachern, den nervigen Querdenkern, den politischen Inszenierern und natürlich diesen selbsternannten Youtube-Experten, die die Bühne den seriösen Wissenschaftlern und Qualitäts-Medien streitig machen wollen.

Ich trank mit dem Zwerg im gebotenen Abstand einen Silvester-Cocktail und teilte mit ihm die letzten Keks-Reste, während wir über die wahnsinnigen Dinge schimpften, die Corona an die Oberfläche gespült hat: Die tier- und menschenverachtenden Schlachthöfe, die Steuervermeidung der Krisengewinner im Online-Handel, die Gier von stinkreichen Fußballstars in ihren Vertragsverhandlungen und die Staus vor den Drive-Ins der Fastfood-Lokale.

Diese Silvester-Cocktails wurden im Vorjahr in voller Vorfreude auf 2020 ausprobiert.

Radetzky-Marsch ohne Klatschen
Gemeinsam verschafften wir unserem Unmut Luft. Wir redeten uns in Rage über die persönlichen Einschränkungen, die umsonst gekauften Konzertkarten, ausgefallene Hallenfußball-Abende, Geburtstagsfeste ohne Gäste und das fordernde Home-Schooling. Ein Weihnachtsabend ohne laut gesungenes „Stille Nacht“, ein Neujahrskonzert ohne mitklatschende Gäste beim Radetzky-Marsch, ja darf das denn das alles wahr sein?

Im Laufe des späten Dezember-Abends landeten wir schließlich bei der Kunst, kritisch zu bleiben und an Verbesserungen mitzuwirken, dabei aber keinesfalls die Lebenslust zu verlieren; von der Aufgabe, in dem ganzen Wirbel ja nicht unzufrieden oder zynisch zu werden. In diese Falle tappen nämlich viele Weltverbesserer, die sich in selbstgerechter Überheblichkeit suhlen und so erst recht nichts weiter bringen.

Plötzlich begann der Zwerg, das Lied „Und dann bin i ka Liliputaner mehr“ von Andre Heller zu summen. Und siehe da, die Stimmung erhellte sich, der Zwerg zeigte zunehmend Größe. Wir blickten auf die Kinder, die die Corona-Einschränkungen tapfer mittragen und dabei ihre Unbekümmertheit und Zukunftslust nicht verlieren. Wir sprachen über die wissenschaftlichen Fortschritte, die Errungenschaften des Sozialstaates und das große Potenzial der kommenden Impfung. Über die Vorfreude auf die warme Jahreszeit.

Der Zwerg wird zuversichtlich
Der Zwerg meinte plötzlich, dass 2021 vieles besser werden könnte. Vielleicht beschleunigt sich ja der Strukturwandel in der Wirtschaft, möglicherweise steigt bei der besonnenen Mehrheit auch das Vertrauen in den Rechtsstaat, in faktenbasierte Wissenschaft und echten Journalismus. Wer weiß, vielleicht wird das vereinte Europa gestärkt aus der Krise hervorkommen? Und hey, nicht zu vergessen, bald zieht Donald Trump aus dem Weißen Haus aus! Vielleicht steigen noch mehr Menschen auf regionale, saisonale Lebensmittel um und zahlen für teurere Produkte aus der Region etwas mehr als für Billigware aus Fernost, kaufen dafür aber etwas weniger.

Und was erst, wenn die kreative Energie unserer Kulturschaffenden, die coronabedingt unterm Deckel gehalten werden musste, 2021 auf positive Art explodieren wird? Wenn die Menschen wahrhaftige Begegnungen wieder zu schätzen wissen und von Zoom und Smalltalk zu echten Gesprächen wechseln?

Daumen hoch!
Zum Schluss zitierte der Zwerg auch noch Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.“ Das ist doch eine passende Neujahrsansprache, konzentriert auf einen Satz. Mit diesen versöhnlichen Worten zog der Zwerg wieder in die Ferne, hinein in die Ausgangsbeschränkungen des Lockdowns. Anstatt des Mittelfingers hob er nun seinen Daumen – zögerlich, aber immerhin.

Mir bleibt noch, Ihnen ein gutes Jahr 2021 zu wünschen! Bleiben Sie kritisch und denken Sie selbst, anstatt zwanghaft querzudenken. Denken Sie ans Impfen, anstatt mit zu schimpfen. Essen Sie gut und gönnen Sie sich dazu gute Getränke und feine Musik. Verlieren Sie Ihre Zuversicht nicht – und bleiben Sie Stammgast im Probelokal, wenn es Ihnen hier gefällt. Das würde mich freuen.

Post Author: Dan

4 Replies to “Eine kleine Geschichte zum Jahreswechsel”

  1. Herzlichen Dank, Herr Wirt!

    Ich freue mich schon auf’s Schmökern, Schlemmern, Schunkeln und Schmusen im Probelokal 21 und wünsche Ihnen und Ihrer werten Familie viel Gesundheit, Liebe, Glück und Freundschaft.

  2. Lieber Daniel!

    An dieser Stelle erst mal ein großes Danke für deine kreativen kulinarischen und musikalischen Anstöße und natürlich warte ich auf deine weiteren Beiträge im neuen Jahr, Ich würde sie sehr vermissen.
    Dir und deiner Familie wünsche ich ein glückliches Jahr 2021 voller Zuversicht, unbeschwerten Begegnungen, belebenden Inspirationen und guter Gesundheit.

    Liebe Grüße
    Lisbeth

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