10 Colas im Test: Die erfrischende
Qual der Wahl im Probelokal.

Im Mai 1886 wurde die berühmteste Limonade der Welt erfunden: Der Apotheker John Pemberton wollte eigentlich einen Sirup gegen Kopfschmerzen herstellen. Daraus entwickelte sich die Weltmarke Coca-Cola. Fast genau 100 Jahre später, am 22. Juni 1986, erschwindelte der Argentinier Diego Maradona mit der „Hand Gottes“ im Fußball-WM-Spiel gegen England ein Tor. Was die Ereignisse miteinander zu tun haben?

Nun, Maradonas Jubellauf nach dem Tor führte an einer Werbebande von Coca-Cola vorbei. An diesen Tagen wurde nicht nur mein Fußballinteresse geweckt. Es festigte sich auch die Erkenntnis, dass Werbebanden zum Fußball gehören. Nur wenig später kritzelte ich den Coca-Cola-Schriftzug auf Karton und befestigte ihn neben dem Fußballtor im Garten. Damit Stadion-Atmosphäre aufkommt.

Etwas Ernüchterung in die heile Welt der süßen Getränke kam Ende der 80er Jahre auf einem Campingplatz im Tessin. Zu einer Zeit übrigens, als der Coca-Cola-Ohrwurm „First Time“ von Robin Beck die Hitparaden stürmte. Ein kleiner Zeltnachbar entdeckte mich, als ich genüsslich an einer Flasche Cola nippte. „Cola frisst die Leber auf“, ätzte der Dreikäsehoch zu mir herüber. Um nach kurzem Innehalten einzugestehen: „Aber ich mag Cola gern.“

35 Würfelzucker pro Liter
Ja, so ist das mit dem Cola. Aus meiner Sicht eines der besten Getränke, wenn es standesgemäß serviert wird: Sprudelnd, kalt, mit  Limette und einem Schuss Mineralwasser (siehe Tipp am Textende). Und dennoch ranken sich Schauergeschichten um die wichtigste Limonade der Welt. Von Fleisch, das sich auflöst, wenn man es über Nacht in ihr einlegt. Von 35 Würfelzuckern, die in einem Liter Cola enthalten sind. Vom Weihnachtsmann, dessen Bild Coca-Cola geprägt haben soll. Oder von zweifelhaftem Konzernverhalten, das auf Mitarbeiter-Rechte und Naturschutz pfeift.

Höchste Zeit also, den Geschmack mehrerer Cola-Sorten zu probieren und studieren: Gibt es Alternativen zur mächtigen Coca-Cola? Kann man die Marken bei einer Blindverkostung unterscheiden? Hält ein Bio-Cola mit dem Original mit? Und schmecken Colas mit weniger Zucker auch gut?

Die Mannschaftsaufstellung im Probelokal: 9 fein gekühlte Flaschen und eine Dose

Illustre Runde im Probelokal
Um all das herauszufinden, verwandelte sich dieser Blog für einen Abend in ein echtes Probelokal. Eine illustre Runde fand sich am Tresen ein: Ein Facility-Manager, eine Ernährung- und Fitness-Expertin, eine Psychologin und Flüchtlingsbetreuerin, ein Musiker und Germanist, meine Wenigkeit und – ganz spontan dazu gestoßen – eine Rasselbande aus Kindern in bester Ferienstimmung. Sie nutzten die Gunst der Stunde, um auf legale Weise an etwas heran zu kommen, was ihnen sonst meist verwehrt bleibt: Cola und langes Aufbleiben.

Aus verschiedenen Supermärkten trug ich zehn Cola-Sorten zusammen. Natürlich die Klassiker wie Coca-Cola und Pepsi, trendige Herausforderer wie Fritz Cola, Club Mate Cola oder die Simply-Cola aus der Dosenfabrik von Red Bull, ein Diskonter-Cola, ein Craft-Cola aus Salzburg und gleich drei Colas aus dem Bioladen. Die erste Erkenntnis folgte beim Abklappern der Supermärkte: Die Vielfalt an Cola-Sorten ist erstaunlich!

Lustige Blindverkostung
Ein Cola nach dem anderen wurde im Hinterzimmer in einen Glaskrug eingeschenkt und serviert. Die Gäste bewerteten zunächst das Aussehen, also Sprudel und Farbe. Dann den Eindruck beim ersten Schluck und den Nachgeschmack. Die Meinungen gingen weit auseinander. Auffallend war, dass die Erwachsenen defensiv bewerteten und meist Durchschnittsnoten gaben – es könnte ja noch etwas Besseres oder Schlechteres kommen! Bei den Kindern gab es keine Kompromisse: Entweder es schmeckte, oder eben nicht. Die zweite Erkenntnis des Abends: Kinder eiern nicht herum, sie haben eine klare Meinung. Gebt den Kindern das Kommando!

Eine illustre, bunt zusammen gewürfelte Runde verkostete kritisch

Eine Stunde lang wurde probiert, studiert und philosophiert. Manch Cola schäumte, in anderen schwamm jede Menge Bodensatz. „Ob das gerade das Original war?“ hieß es plötzlich. Oder: „Grauslig, dieses Bio-Cola schmeckt ja nach Koriander!“ „Apocalypse Now“ schrieb gar jemand auf den Zettel, als er eine mäßige Kostprobe bewertete. „Und so zuckrig“, bemerkte ein Gast, „das muss die Diskonter-Cola sein.“ Viele Colas waren gar nicht klassisch schwarz, sondern leuchteten hellbraun wie Spezi. Aber in der Politik wurde aus schwarz ja auch plötzlich türkis, das Umfärben liegt offenbar im Trend. Wieder eine Erkenntnis.

Es kam, wie befürchtet
Unter großem Staunen und Raunen folgte die Auflösung. Und der kritische Blick auf die Unterschiede der Zutaten. So mischt Fritz Cola aus Hamburg 11 g Zucker in 100 ml Limonade, während die Bio-Cola NOW aus dem bayerischen Neumarkt mit nur 7,4 g auskommt. Das Original liegt übrigens mit 10,6 g nah am Spitzenreiter. Sympathiepunkte sammelte das Natur-Kola namens „Hoobert“ aus Salzburg, das auf Geheimniskrämerei verzichtet und sämtliche enthaltenen Bio-Gewürze wie Zimt, Koriander oder sogar Quellwasser aus den hohen Tauern auflistet. Ganz anders als Coca-Cola, das immer noch vorgibt, das Original-Rezept in einem Tresor verstaut zu haben, zu dem nur zwei Menschen Zutritt haben. Dafür liest sich ein Teil der Zutatenliste, genauso wie beim Konkurrenten Pepsi oder auch der Fritz Cola, etwas nüchtern: Phosphorsäure und Farbstoff E150d. Das klingt ein wenig nach Chemie-Unterreicht.

Passt optimal zu Cola: Eis und viel Limette

Und trotzdem: Das klassische Coca-Cola belegte in der Geschmackswertung hauchdünn den ersten Rang. Zum Leidwesen des Gastgebers: Schließlich ist auch dieser ganze Blog dazu da, einen kleinen Anteil dazu beitragen, die Menschen zu bewusstem Konsum zu ermutigen. Zur Unterstützung kleiner Unternehmen und feinen Produkten mit nachvollziehbaren Zutaten abseits der industriellen Massenware. Und dann gewinnt das „echte“ Cola? Kann das mit rechten Dingen zugegangen sein oder steckt da auch ein Trick wie Maradonas „Hand Gottes“ dahinter? Nun ja, der Blog ist auch als kleiner Gegenpol zu den „Fake News“ dieser Welt gedacht, so bleibt mir nichts anderes über, als das Ergebnis anzuerkennen und es Ihnen geknirscht, aber wahrheitsgetreu mitzuteilen.

Doch halt: Ich habe einen Verdacht. Aufgrund der Omnipräsenz von Coca-Cola hat sich unser Geschmack an dieses Produkt gewöhnt und ihn als Maßstab gesetzt. Bei stark gezuckerten Produkten hilft es oft, sie abzusetzen und durch natürliche Lebensmittel mit weniger Süße zu ersetzen. Ähnlich ist es bei Snacks wie Kartoffelchips mit vielen Gewürzen und Geschmacksverstärkern. Es dauert eine Weile, bis sich die Sinne wieder an den echten, schlichten Geschmack eines Produktes gewöhnen. Aber plötzlich dreht sich der Spieß um und das süße oder überwürzte Kunstprodukt schmeckt übertrieben – ich habe das mehrfach probiert, bei Eistee oder eben Chips und Cola.

Bio-Cola in der Dose – das ist wie Birkenstock-Sandalen aus Aluminium
Hauptkonkurrent Pepsi landete übrigens auf Platz fünf. Aufs Siegerpodest schaffen es dafür zwei alternative Colas mit einer kräftigen Portion Koffein: Fritz Cola und Club Mate Cola. Am meisten diskutiert wurde aber über den Viertplatzierten des Abends: Die „Simply Cola“ aus dem Hause Red Bull. Es hatte bei den Erwachsenen die Nase vorn, nicht aber bei den jüngsten Verkostern. Erstaunlich, dass viele Gäste gar nicht wussten, dass die Red-Bull-Cola geschmacklich gar nichts mit dem gleichnamigen Energy Drink zu tun hat. Das ist aber nicht das alleinige Marketingproblem des Salzburger Konzerns. Es ist auch das einzige Cola, das nicht (mehr) in Flaschen erhältlich ist. Ein Bio-Cola in der Dose, das ist doch wie eine Birkenstock-Sandale aus Aluminium. Und das sorgt beim kritischen Publikum genauso für Stirnrunzeln, wie der Gedanke an den Konzern-Werbeträger, der einmal vom Himmel sprang.

Frei nach Giovanni Trapattoni: „Flaschen leer – wir haben fertig.”

Ich schließe die Cola-Verkostung mit koffeinbedingtem Herzklopfen und den persönlichen Erkenntnissen. Dass ich dazu Altkanzler Fred Sinowatz zitieren kann, hätte ich nicht gedacht. Doch er sagte in seiner Regierungserklärung 1983 etwas, das auch für unsere Cola-Verkostung gilt: „Ich weiß schon, meine Damen und Herren, das alles ist sehr kompliziert, so wie diese Welt, in der wir leben und handeln, und die Gesellschaft, in der wir uns entfalten wollen. Haben wir daher den Mut, mehr als bisher auf diese Kompliziertheit hinzuweisen; zuzu­geben, dass es perfekte Lösungen für alles und für jeden in einer pluralistischen Demokratie gar nicht geben kann.”

So ist das auch bei den Colas. Das Original begeistert die Meisten, steckt aber voller Widersprüche. Mein persönlicher Geschmacksfavorit ist die würzige Simply Cola von Red Bull, wäre da nicht die Dose… Die meisten Colas aus den Bio-Manufakturen haben zwar respektable Zutaten, sollten sich aber schleunigst mit ihren Werbeagenturen zusammen sitzen. Denn Namen wie „Isis Cola“ und düster gestaltete Etiketten ermutigen im Jahr 2018 kaum zum Griff ins Regal. Herumschwimmender Bodensatz übrigens auch nicht.

Am besten schmeckten die Colas mit viel Koffein und Zucker. Das heißt: Wenn schon Cola, dann mit Zucker. Dafür nicht oft. Wenn schon Cola, dann mit ordentlich Koffein. Dafür nicht oft. Wenn schon, denn schon! Es ist wie so oft in der Ernährung: Etwas Feines sollte in Maßen und ohne schlechtes Gewissen genossen werden. Dann ist es etwas Besonderes, dann schmeckt es wirklich gut, und dann ist es auch nicht schädlich. Siehe Wiener Schnitzel, siehe Schokolade, siehe Wein, siehe Crèmeschnitte. Hausverstand genügt. So, hoffentlich kann ich jetzt noch schlafen.

Tipp: Cola nach Art des Probelokals: Gekühlte Cola Ihrer Wahl, 1 Limette, Eiswürfel, etwas Mineralwasser – den Saft einer halben Limette in ein Glas pressen, Eiswürfel und Limettenscheiben dazu, mit 3/4 Cola und 1/4 Mineralwasser aufgießen. Bei festlichen Anlässen mit einem Schuss Rum verfeinern.

Musik: Drei Ohrwürmer aus der Coca-Cola-Werbung: „First Time“ von Robin Beck aus dem Jahr 1988, geschrieben von Gavin Spencer, Tom Anthony und Terry Boyle; dann der Weihnachtssong „Wonderful Dream“ aus dem Jahr 2001 von Melanie Thornton, geschrieben von Melanie Thornton, Mitchell Lennox, Julien Nairolf, Ben Naftali, Terry Coffey, Jon Nettlesbey, Rich Airis und Scott Temper; oder der Coca-Cola-Song für die WM in Südafrika, „Wavin‘ Flag“ von K’naan, veröffentlicht 2009, der Text ist von Keinan Abdi Warsame und die Musik von Kerry Brothers Jr. und Bruno Mars.

Post Author: Dan

One Reply to “Die Cola-Verkostung”

  1. Hoi dan! Werde auch mal eine cola verköstigung machen. Mag nämlich cola … kauf sie aber nie, dann kann ich auch keine trinken. Die verköstigung ist eine super ausrede für gerechtfertigten colakonsum – werde aber zero und light auch nooch dazunehmen. Dann muss ich den würfelzucker nicht zählen.
    Lg Silli

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