Kichererbsen statt Konzernchips. Und Gianna Nannini mit dem ewigen WM-Song!

Natürlich habe auch ich mich längst mit vielen Annehmlichkeiten des kapitalistischen Wohlstands angefreundet. Und doch rege ich mich immer wieder über manche Verirrungen des grenzenlosen Marktes auf. Etwa über die Entwicklungen im seelenlosen Fußballgeschäft. Die Vorgänge bei den letzten WM-Vergaben und die Macht der FIFA trüben meine Freude am größten Fernseh-Ereignis. Aber ob ich eine WM aus Protest sausen lassen würde? Heuer jedenfalls noch nicht. Einen Boykott überlege ich mir erst in vier Jahren, wenn mit Katar die nächste „lupenreine Demokratie” Austragungsort der WM wird. Oder spätestens dann, wenn die WM nur mehr in Bezahl-Sendern zu sehen ist. Ich will im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten dagegen halten und wenigstens das kulinarische Fußballherz etwas höher schlagen lassen. Also verzichte ich auf Konzernchips mit unzähligen fragwürdigen Zutaten und mache mir stattdessen scharf gewürzte Knusper-Kichererbsen. Und ich pfeife auf den offiziellen Biersponsor und freue mich auf ein Craft-Bier aus der nahe gelegenen Brauerei-Genossenschaft. Ein kleiner Akzent gegen die Konformität des Fußballmarktes, fast mit diebischer Freude zelebriert in Dan’s Probelokal. So kommen die Erbsen ins Rollen: Zwei Dosen öffnen und abtropfen, das sind dann etwa 500 Gramm, abspülen und mit Küchenpapier trocknen. (Besser schmeckt’s natürlich, wenn Sie getrocknete Bio-Kichererbsen über Nacht einweichen und dann am Spieltag eine Stunde weich kochen – aber an WM-Spieltagen verbringt man die Zeit besser vor dem Bildschirm, als in der Küche.) Dazu höre ich wieder einmal den legendären WM-Song von 1990, „Un’ estate italiana”, unverkennbar von Giorgio Moroder produziert und von Gianna Nannini und Edoardo Bennato gesungen. Nannini soll sich zunächst geweigert haben, das Lied zu singen – es war ihr zu kommerziell. Ihrem Vater zuliebe, einem großen Fußballfan, nahm sie den Song dann doch auf. Jedenfalls katapultiert mich der Schlager schon nach wenigen Sekunden in Kindheits-Erinnerungen des unbeschwerten Fußballsommers vor 28 Jahren zurück. Das schafft der hektische WM-Song des heurigen Jahres niemals, deshalb muss er wohl bei den WM-Spielen mittels Banden-Werbung bekannt gemacht werden.
Wunderbare Kombination, falls das Spiel zum Weinen ist: Scharfe Kichererbsen und Craft-Bier von nebenan
Zurück in der Realität des Sommers 2018 verfalle ich in Melancholie, weil die Italiener die Qualifikation für die WM in Russland vermasselt haben. Eine WM ohne Italien, ohne Hymnen-Extase von Gigi Buffon, geht das überhaupt? Damit die Stimmung wieder steigt, mische ich in einer Schüssel zwei Esslöffel Olivenöl mit den Lieblingen aus dem Gewürzschrank – ich nehme meist 1/2 TL gemahlenen Kreuzkümmel und 1/2 TL Paprikapulver (am besten geräuchert). Sie können aber nach Ihrem Geschmack variieren. Der Blick auf die Ablaufdaten der Gewürze hilft oft bei der Auswahl. Etwas Salz und Pfeffer sind Pflicht, zur Kür kommen noch wenig Chilipulver und die geriebene Schale einer halben Zitrone dazu. In der Würz-Schüssel mischen Sie nun die abgetrockneten Kichererbsen kräftig durch und lassen sie auf ein Blech mit Backpapier kullern. Im vorgeheizten Backrohr werden sie bei 170 Grad eine gute halbe Stunde gebacken, dazwischen empfiehlt sich gelegentliches Rütteln am Blech. Wenn die Erbsen fertig sind und die Hymnen gespielt werden, dann holen Sie das Craft-Bier aus dem Kühlschrank und hoffen auf ein gutes Spiel. Wenn Ihnen das Lachen vergehen sollte, falls die falsche Mannschaft gewinnt, Sie beim Mitjubeln von Werbeeinschaltungen gestört werden, der aktuelle WM-Song nervt oder der FIFA-Präsident allzu oft am Bildschirm erscheint, dann haben Sie wenigstens dank Ihrer scharfen Erbsen etwas zu kichern. Zutaten als Fußball-Fernseh-Snack für eine kleine Fangemeinde: 2 Dosen Kichererbsen (abgetropft ca. 500 g), 2 EL Olivenöl, 1/2 TL gemahlener Kreuzkümmel, 1/2 TL Paprikapulver (am besten geräuchert), etwas Chilipulver und geriebene Zitronenschale Getränke-Tipp: Craft-Bier aus der nächstgelegenen Kleinbrauerei Musik-Tipp: Der unvergesslichste WM-Song: „Un’estate italiana”, gesungen von Gianna Nannini und Edoardo Bennato; Produzent: Giorgio Moroder; Label: Virgin  Lese-Tipp: WM-Sonderausgabe des „Ballesterer – Magazin zur offensiven Erweiterung des Fußballhorizontes”; in gut sortierten Trafiken noch erhältlich!

Post Author: Dan

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