Ganz in weiß.

Wenn mein Jüngster Freundebücher aus dem Kindergarten mit nach Hause bringt, geht der wündrige Blick des Hobbykochs zuerst auf das Feld mit der Lieblingsspeise. Fast immer lese ich dort Spaghetti, Kaiserschmarren oder Fischstäble. Kinder, Kinder! Als ich vor Jahrzehnten noch selbst Freundebücher ausfüllen durfte, beantwortete ich die Frage nach der Lieblingsspeise meist mit „Sachertorte“.

Noch heute meine ich, dass ein schlichtes, pures Stück Sachertorte zum Besten gehört, was ein Sonntagnachmittag hergibt. Bei uns zuhause ist stets meine Frau für die Sachertorte zuständig. Ich weiß noch immer nicht genau, wie sie es anstellt, aber ihre Version schmeckt um ein Vielfaches saftiger und schokoladiger, als das Wiener Original.

Im Zuge der nachösterlichen Schokohasen-Verwertung habe ich kürzlich an einer Frühlings-Sachertorte gebastelt. Franz und Eduard Sacher werden sich im Grab umgedreht haben, denn ich habe mit allen gängigen Sachertorten-Konventionen gebrochen. Anstatt dunkler verwendete ich weiße Schokolade, und statt Marillen- gab es frische Erdbeermarmelade. Alles neu macht halt der Mai!

So schlicht sieht die weiße Sachertorte aus, bevor die Erdbeeren ins Spiel kommen.

Zuerst bereite ich den Teig zu. Ich trenne die Eier und schlage die weiche Butter mit Staubzucker, dem ausgekratzten Mark der Vanilleschote und der geriebenen Zitronenschale mit dem Mixer schaumig. Das Eigelb rühre ich nach und nach ein.

Dann erhitze ich einen Topf voller Wasser, setze eine Schüssel darauf und schmelze darin die weiße Schokolade. Ist sie flüssig, rühre ich sie unter die Butter-Eigelb-Mischung. Das Eiweiß schlage ich steif, dabei lasse ich den Zucker einrieseln. Das gesiebte Mehl hebe ich abwechselnd mit dem Eiweiß unter die Schokoladen-Mischung.

Dann fülle ich den Teig in eine mit Backpapier ausgelegte Springform. Die ersten 20 Minuten backe ich sie bei 170 Grad Umluft, dann reduziere ich die Temperatur ein wenig. Bei 150 Grad Umluft stelle ich den Kuchen in 40 weiteren Minuten fertig.

Da ist was los
In dieser Zeit widme ich mich dem kürzlich erschienenen Album „Das ist los“ von Herbert Grönemeyer. Das ist bemerkenswert, denn in den letzten Jahren habe ich einen Bogen um den Bochumer gemacht. Irgendwie ging er mir auf die Nerven. Vielleicht habe ich mich in den Jahren zuvor auch sattgehört, schließlich sammelte ich alle seine Alben und besuchte einige Konzerte, bis das Interesse plötzlich abriss.

Nun, nach einigen Jahren Herbert-Pause hat Grönemeyer mit seinem Lied „Angstfrei“ wieder einen Nerv getroffen. Es ist nicht nur mitreißend, es enthält auch eine kluge Botschaft: „In der Unruhe liegt die Kraft.“ Wenn vieles aus den Fugen gerät, kann verlässlicher Mainstream von einem vertrauenswürdigen Musiker wie Grönemeyer zwischendurch eine Wohltat sein.

Die „Angstfrei“-Version der Produzenten Miksu und Macloud ist übrigens besonders empfehlenswert – Sie werden nicht anders können, als dazu das Tanzbein zu schwingen. Machen Sie es danach einfach dem Kuchen gleich, der zunächst einmal eine Stunde abkühlen darf, bevor es weitergeht.

Dann lösen Sie ihn aus der Form, schneiden ihn einmal quer durch und bestreichen die beiden Böden mit Erdbeer-Marmelade, die Sie zuvor in einem Töpfchen etwas erwärmt haben. Dann kommt der Deckel wieder drauf.

Ein erhebender Moment: Die weiße Glasur wird aufgetragen. Was seitlich hinunterrinnt, muss sofort verkostet werden!

Ein Berg weißer Schokolade
Ein paar Tricks sind notwendig, um der weißen Glasur die richtige Konsistenz zu verleihen. Deshalb weichen Sie zunächst die Gelatine in einer Schüssel mit kaltem Wasser ein. Dann erwärmen Sie die Milch, um die ausgedrückte Gelatine einzurühren und aufzulösen.

Brechen Sie den Berg an weißer Schokolade in kleine Stücke und geben Sie sie in die Milch. Dann ziehen Sie den Topf vom Herd und rühren die Milch-Schokolade-Mischung nach ein paar Minuten Wartezeit gut durch. Erst wenn die Masse auf Zimmertemperatur abgekühlt ist, rühren Sie nochmals durch, bevor Sie die Torte mit der weißen Glasur überziehen. Dann sollte die weiße Sachertorte in den Kühlschrank. Wird die Glasur fest, sollten Sie unbedingt mit vielen erntefrischen Erdbeeren dekorieren.

Wer bekommt das erste Stück? Ich melde mich freiwillig.

Wie ein kleines Kind freue ich mich über die alternative Sachertorte, die passend zum Wonnemonat Mai „ganz in Weiß“ daherkommt. Natürlich fällt mir dazu Roy Blacks berühmte Schnulze ein, und natürlich bringe ich das Lied stundenlang nicht mehr aus dem Kopf. Bleibt nur noch zu hoffen, dass mich kein*e Hüter*in der politischen Korrektheit des Whitefacings bezichtigt, nur weil ich die dunkle Sachertorte für einmal hell mache. Es gibt keinen tieferen Grund für das Experiment. Es lag einfach an den Osterhasen aus weißer Schokolade, die dem Ablaufdatum entgegen hoppelten.

Zutaten für eine Torte (Durchmesser ca. 24-26 cm):
Torte: 180 g weiche Butter, 160 g Mehl, 50 g Staubzucker, 130 g Zucker, 200 g weiße Schokolade, 7 Eier, ½ Vanilleschote, abgeriebene Schale einer halben Zitrone, 150 g Erdbeermarmelade
Glasur: 300 g weiße Schokolade (zB vom übrigen Schoko-Osterhasen), 100 ml Milch, 2 Blatt Gelatine, 150 Gramm Erdbeeren

Musiktipp:
Album „Das ist los“ von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 2023, Label Vertigo Berlin

Post Author: Dan

One Reply to “Helle Sachertorte mit Erdbeeren”

  1. Hallo! Spannendes Experiment. Wie hat sie euch geschmeckt? Optisch interessant wäre innen dunkle Schoki oder Kürbiskernöl 😃

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