Zurück ins Jahr 1999: Ein süß-sauer-scharfes Dessert und
Erinnerungen an einen österreichischen Fußballmoment.

Mit der WM geht dieser Tage auch die Erdbeer-Saison zu Ende. Höchste Zeit also, schnell noch eine Rezeptgeschichte mit Erdbeeren und Fußballbezug einzuschieben, bevor das Stammtisch-Thema in Dan’s Probelokal wechselt. Das Finale der WM und die letzten guten regionalen Erdbeeren zelebrieren wir mit einem hocharomatischen Dessert, das ich von einem Schulrezept aus dem Jahr 1999 abgeleitet habe. Es ist einem ehemaligen Nationalspieler gewidmet, der in Österreich weltberühmt ist und im selben Jahr einen unvergesslichen Fernsehmoment lieferte: Toni Pfeffer.

Es war nur ein kurzer Satz, der am Abend des 27. März 1999 im Mestalla-Stadion von Valencia gefallen ist. Spanien spielte mit Österreich in einem EM-Qualifikationsspiel Katz‘ und Maus und führte schon zur Halbzeit mit 5:0. Der österreichische Verteidiger Toni Pfeffer ließ ein Halbzeit-Interview über sich ergehen. Das alleine ist schon bemerkenswert – gibt es überhaupt noch Halbzeit-Interviews? Schwitzend, schnaufend und spontan, ohne Kontrolle eines Pressesprechers, direkt im Kabinengang und nicht, wie inzwischen üblich, in einer streng vorgegebenen Interview-Zone vor irgendeiner Sponsoren-Rückwand. ORF-Reporter Andi Felber lauerte Toni Pfeffer auf und traute sich zu fragen, was denn nun in der zweiten Halbzeit noch möglich sei. Pfeffer, noch außer Atem vom vergeblichen Verfolgen der spanischen Angreifer, brachte es ganz ruhig auf den Punkt: „Hoch wer ma‘s nimma gwinnen“ („Hoch werden wir das nicht mehr gewinnen!“).

Ich bin noch immer fasziniert von diesem Satz. Gibt es eine österreichischere Art, das Drama zu benennen? Das beständige fußballerische Scheitern, unterbrochen von kurzzeitigen Höhenflügen. Das österreichische Trauma, keine politische Großmacht (mehr) zu sein, aber gerne verklärte Blicke zurück zu werfen – auf den Kaiser, das Wunderteam oder Cordoba. Die Erkenntnis, meist nur eine Nebenrolle im Konzert der großen Fußballnationen oder internationaler politischer Entscheidungen zu spielen, aber höchste Erwartungshaltungen zu hegen. Und dann kommt Verteidiger Toni Pfeffer und zieht dem Drama mit Schmäh den Stachel.

Es gibt also Pfeffer-Erdbeeren. Das süße Wortspiel hat aber einen scharfen Hintergrund: Denn auch echter Pfeffer steht auf der Zutatenliste, was Freunde süßer Desserts verwundern könnte. Aber eines nach dem anderen: Sie kaufen sich ein halbes Kilo Erdbeeren, waschen sie und entfernen den grünen Strunk. Größere Beeren werden halbiert oder geviertelt. Dann bereiten Sie die restlichen Zutaten vor, weil es bei der Zubereitung schnell gehen muss. Und Sie sorgen sich um die richtige Musik – Sie könnten natürlich, passend zur Geschichte, die Songs von Toni Pfeffer einlegen. Kaum zu glauben, aber er versuchte sich neben der Fußballkarriere auch im Singen. Aber da sowohl das Rezept als auch Toni Pfeffers Interview aus dem Jahr 1999 stammen, musste ich fast ein Album aus diesem Jahr aus meinem Plattenarchiv hervor holen: Euphoria Morning von Chris Cornell. Der Sänger mit der Wahnsinns-Stimme ist im Vorjahr auf tragische Weise verstorben.

Die mundgerecht geschnittenen Erdbeeren werden erhitzt, flambiert und gepfeffert.

Doch wie immer im Leben muss es weiter gehen: Erhitzen Sie in einem Topf zwei Esslöffel Zucker – ich nehme zur Hälfte Vanillezucker, das ist aber keine Pflicht. Bald zergeht der Zucker und verwandelt sich in Karamell. Unter keinen Umständen dürfen Sie sich nun vom Herd entfernen oder gar Kindern den Kochlöffel überlassen, Karamell ist sehr heiß und brennt rasch an. Sobald also der Zucker flüssig wird, löschen Sie ihn mit dem Saft einer Zitrone und einer Orange ab. Das zischt und dampft, dass es eine Freude ist. Das Karamell verfestigt sich durch die Abkühlung ein wenig. Dann geben Sie die Erdbeeren dazu, stechen einige davon im Topf mit einer Gabel ein und rühren um. Dann ist gutes Timing gefragt. Die Beeren dürfen etwas weicher werden, sollen aber nicht zerfallen – das dauert nur eine Minute. Falls Kinder mitessen, ist die Zubereitung an dieser Stelle beendet. Guten Appetit, liebe Kleinen!

Für Erwachsene geben Sie einen Schuss Orangenlikör dazu, in der Bar des Probelokals stehen dafür Cointreau oder Grand Marnier bereit. Mutige unter Ihnen flambieren nun die Erdbeeren, das klingt nicht nur professionell, sondern sieht auch gut aus und beeindruckt zusehende Gäste. Der Alkohol ist in wenigen Sekunden verbrannt und die Situation planmäßig entschärft, ohne dass Sie die Feuerwehr rufen müssen. Dann finalisieren Sie das Ganze mit ein paar Prisen frisch gemahlenem Pfeffer. Gehen Sie behutsam vor, schließlich soll es weder in der Küche noch im Munde Ihrer Gäste zu sehr brennen.

Lassen Sie die Erdbeeren ein wenig abkühlen. Sie schmecken lauwarm und solo schon ausgezeichnet, ich serviere sie aber gerne mit einer Kugel Vanille-Eis. Das zerlaufende Eis vermischt sich mit den Erdbeeren auf unübertreffliche Weise. Schon der erste Löffel trifft die Geschmacksknospen so heftig, wie früher die Grätschen von Toni Pfeffer die Beine seine Gegner. Er erhielt aufgrund seines harten Einsteigens von Herbert Prohaska übrigens den Beinamen „Rambo“. Im Frühjahr 1999 in Valencia haben Toni Pfeffers Grätschen nicht geholfen. Und er behielt mit seiner Halbzeit-Prognose recht: Spanien gewann am Ende mit 9:0. Österreichs Trainer trat nach dem Spiel zurück und erfreut die Fernsehzuseher seither als ORF-Experte: Danke, Herbert Prohaska.

Zutaten für zwei große oder vier kleine Erdbeerfreunde: 500 Gramm Erdbeeren, 2 Esslöffel Zucker (evtl. zur Hälfte Vanillezucker), Saft von 1 Zitrone und 1 Orange, etwas Orangenlikör (Cointreau oder Grand Marnier), Pfeffermühle, Vanille-Eis, gehackte Pistazien zur Dekoration

Getränketipp: Holdersirup mit Mineralwasser

Musik: Album „Euphoria Morning“ von Chris Cornell, der vor seiner Solokarriere auf unnachahmliche Weise für Soundgarden und Audioslave sang; Produzenten: Chris Cornell, Natasha Shneider, Alain Johannes; Label: A&M Records; und für eiserne Fußballnostalgiker, denen Chris Cornell zu düster singt: „Viola per sempre“ oder „Es kommt drauf an“, zwei harmlose Titel von Toni „Rambo“ Pfeffer…

Lektüre: Ein Fußballbuch zum Ende der WM: „Aus der Tiefe des Raumes“ des legendären Fußballprofis, Grimme-Preisträgers und Medienmanagers Günter Netzer, erschienen im Rowohlt-Verlag

Post Author: Dan

2 Replies to “Pfeffer-Erdbeeren”

  1. Ein wirklich originelles Rezept…dazu wird der Bogen gespannt zurück zu einer dunklen Stunde des österreichischen Fußballs…wenn da nicht das kultige Halbzeitinterview eines gewissen Pfeffer Anton gewesen wäre…mach weiter so Dan….super Homepage…Steff

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