Amerikanisches Frühstück
zu Thanksgiving.

Zu einem Jahreshöhepunkt der USA gibt es zwar keinen Truthahn – dafür aber die bestmögliche Version von Ham & Eggs. Dazu ein paar kulinarische Erinnerungen an eine Reise durch den wilden Westen und amerikanischen Roots-Rock von Welt.

Zwei wichtige Tage im kulturellen Leben der USA stehen bevor: Am 22. November wird „Thanksgiving“ gefeiert. An diesem staatlichen Feiertag treffen sich traditionell die Familien, um gemeinsam gebratenen Truthahn zu essen. Und am darauf folgenden Fenstertag bildet der sogenannte „Black Friday“ den Startschuss in die konsumrauschende Vorweihnachtszeit.

Truthahn zählt nicht zu meinen Leibspeisen – deshalb verschonen wir im Probelokal zumindest einen dieser skurrilen Vögel vor der Schlachtbank. Selbiges tun übrigens auch die amerikanischen Präsidenten, indem sie im Weißen Haus jedes Jahr einen Truthahn symbolisch begnadigen. Beziehungsweise war das bisher immer so; dem derzeitigen Präsidenten würde ich glatt zutrauen, dass er ihn schnurstracks in den Ofen schiebt.

Wenn einer eine Reise tut…
Vor einigen Jahren landete ich in Denver, um mit meinem guten Freund Jürgen die finalen Wochen seines Auslands-Studienjahres zu verbringen. Er wohnte bei entfernt Verwandten in Colorado – und ich fühlte mich, als ob ich plötzlich Teil einer amerikanischen TV-Serie wurde. Die Gastgeber hießen Judy und Bill. Im Vorgarten ihres Häuschens im aufgeräumten Lakewood, einem typischen Vorort im Speckgürtel von Denver, wehte die amerikanische Flagge. Im Fernsehen lief den ganzen Tag Baseball. Einen der beiden spritfressenden Geländewagen von Judy und Bill bekamen wir, um eine Rundreise zu wunderbaren Plätzen in Colorado, Nevada, Arizona und Utah zu unternehmen.

Wie im Film: Die Fahrt über Nebenstraßen entlang des Colorado Rivers

Die kulinarischen Erlebnisse dieser Reise erfüllten alle Klischees. Entlang der 2.000 Meilen aßen wir Bagels, Donuts und Pommes, im Baseball-Stadion verschluckten wir uns fast an den großen Hot Dogs, und im Supermarkt entdeckten wir unzählige Sorten Milch in 5-Liter-Plastikgebinden mit monatelanger Haltbarkeit. Wir staunten über Tubenkäse, violettes Ketchup und XXL-Zwiebeln ohne jeglichen Makel. Das Gentechnik-Labor lässt grüßen. In Moab aßen wir fetttriefende Hühnerkeulen in einem klassischen Dinner mit roten Ledermöbeln aus Good Old America. Las Vegas bleibt uns dank des überdimensionierten Coca-Cola-Stores und des M&Ms-Kaufhauses in übersüßter Erinnerung.

Erinnerungen an ein amerikanisches Abendessen in Moab

Sachertorte in den Rocky Mountains
Die Reise ging weiter nach Vail, wo im alpenländisch-kitschig anmutenden Hotel des ausgewanderten Ex-Skifahrers Pepi Gramshammer zweifelhafte Heimatgefühle aufkamen. Dazu gab es überteuerte Sachertorte, Applestrudel und schalen Filterkaffee. In einem Steakhaus in Denvers Downtown genossen wir ein überdimensioniertes, rauchiges Stück Rindfleisch. Unvergessen bleibt der Abend im Restaurant „Benihana“, wo wir mit unbekannten Tischnachbarn um eine riesige Grillplatte Platz nahmen. Ein japanischer Koch zerhackte im Eiltempo Gemüse, jonglierte mit dem Messer und schoss den staunenden Gästen aus zwei Metern Entfernung kleine Garnelen zwischen die Zähne.

Wo der Westen noch wild zu sein scheint: In der Nähe der Geisterstadt Cisco wird ein Pferd luftgetrocknet.

Als wir von der abenteuerlichen Rundreise nach Lakewood zurückkamen, überraschte uns Hausherr Bill mit einem klassisch amerikanischen Frühstück. Es gab Muffins, Donuts und Kirschlimonade von Dr. Peppers. Dazu frisch gebratene Ham & Eggs. Und zwar in ihrer triefendsten Ausprägung. Bill schmolz nämlich in der Pfanne ein großes Stück Butter, um den ohnedies fettigen Frühstücksspeck und die Eier darin anzubraten. Das gab Kraft für den Rückflug nach Europa, auch wenn die Jeans eng wurden.

Vom Appenzell nach New York City
In Erinnerung an dieses kolossale Frühstück stelle ich Ihnen heute eine sehr feine Version von „Ham & Eggs“ vor. Inspiriert hat mich dazu nicht nur Bill, sondern auch der Chefkoch des besten Restaurants der USA: Daniel Humm. Ein Schweizer, der bereits in jungen Jahren dem „Gasthaus zum Gupf“ in Appelzell-Ausserrhoden zu einem Michelinstern verhalf. Seit 12 Jahren wirkt er im Drei-Sterne-Restaurant „Eleven Madison Park“ in New York City. 2017 wurde es sogar auf Platz 1 der Rangliste „The World’s 50 Best Restaurants“ gewählt. Von Daniel Humm habe ich das heutige Rezept für Eier mit Speck auf meinen Geschmack adaptiert.

Folkrock-Musik von Welt
Zuvor lege ich noch die passende Musik auf, als treuer Leser kennen Sie das ja schon. Sie stammt von den Roots-Rockern „The Avett Brothers“ aus North Carolina. Die Gebrüder Scott und Seth Avett spielen energiegeladene, alternative Folkrock-Musik. Manchmal im Duo, zweistimmig unter Brüdern (zB Salvation Song), in der Regel aber mit ihrer Band (zB Laundry Room). Den Konzert-Mitschnitt von Head Full Of Doubt/Road Full Of Nowhere nahmen sie im „Red Rocks Amphitheater” auf, das wir auf unserer Rundfahrt durch den Wilden Westen besichtigen konnten.

Die wohl spektakulärste Konzertarena der Welt ist in ein Ensemble aus Sandsteinfelsen eingebettet und für die gute Akustik bekannt. Vor 35 Jahren nahmen U2 dort das Album „Under A Blood Red Sky“ auf. Zwar fand bei unserem Besuch kein Konzert statt, dafür durften wir uns wie Rockstars fühlen, als wir die leere Bühne betraten und in unserer Fantasie 10.000 Fans jubeln ließen. Dank der eindrucksvollen Sicht auf die rot leuchtenden Sandsteine und die Wolkenkratzer der Downtown von Denver blieb uns auch ohne Sound die Spucke weg.

Jetzt aber: Ran an den Speck!
Die Zubereitung der Ham & Eggs aus dem Ofen ist einfach, schindet bei Ihren Gästen aber mächtig Eindruck! Anstatt einfach in der Pfanne Speck und Eier zu braten, backen Sie das Ei auf geschmortem Spinat und gehackten Pilzen in einem knusprigen Speck-Körbchen. Als Form eignet sich ein einfaches Muffin-Blech.

Die Pilzmasse und die Spinatblätter werden angebraten.

Zuerst bereiten Sie die Pilzmasse zu – dazu schneiden Sie die Champignons und die kleine Zwiebel fein würfelig. In einer Pfanne zerlassen Sie die Butter und braten die Pilze scharf an, nach 5 Minuten kommt die Zwiebel dazu. Die Gewürze und etwas Zitronensaft runden nach wenigen Minuten den feinen Geschmack ab.

Dann waschen Sie den Babyspinat und entfernen die harten Stiele. In einer Pfanne mit etwas Butter braten Sie die gewürfelte Zwiebel an und geben den Spinat dazu. Schon nach 1-2 Minuten fällt er planmäßig in sich zusammen. Da bleibt nicht mehr viel Grün übrig. Würzen Sie mit Salz und Pfeffer.

Die Förmchen werden mit Schinkenspeck ausgekleidet und fein gefüllt.

Dann heizen Sie den Backofen auf 190 Grad Ober- und Unterhitze (oder 170 Grad Heißluft) vor. Die Muffin-Förmchen kleiden Sie mit jeweils 2 dünnen Schinkenspeck-Scheiben aus, die im Ofen knusprig werden (siehe Foto). Darauf kommen jeweils ein Löffel Spinat und gebratene Pilze. Wer will, kann jetzt noch den Lieblingskäse darüber reiben – ich habe keinen und verzichte darauf. Ein frisch aufgeschlagenes Ei setzt dem Ganzen nun die Krone auf.

Im Ofen backen Sie die Förmchen für knapp eine Viertelstunde, bis die Farbe des Eigelbs die Haarfarbe des amerikanischen Präsidenten angenommen hat. Nach einer kurzen Ruhepause können Sie die feinen Törtchen elegant aus der Form heben, salzen, pfeffern und mit Brot servieren. Falls Sie es Ihren Gästen zumuten, können Sie dazu eine Dr.-Pepper-Cherry-Limonade einschenken. Wie Judy und Bill damals in Colorado. Ihre Gäste werden sich freuen – außer, sie sind auf Diät.

So sehen die köstlichen Happen aus, wenn sie aus der Form gelöst werden.

I Love NY – ein prachtvolles Kochbuch
Falls Sie diese feinen Ham & Eggs für sich alleine zubereiten, sollten Sie beim Essen im prachtvollen Kochbuch „I Love NY“ von Daniel Humm und Will Guidara schmökern. Es enthält nicht nur Rezepte aus dem „Eleven Madison Park“, sondern auch wunderbare Fotografien und stimmungsvolle Geschichten von Landwirten aus dem New York Umland. Wer mein, Regionalität habe immer nur etwas mit dem eigenen Heimatort zu tun, hat sich getäuscht. Und ebenso, wer meint, dass New York keine Bio-Produkte aus der Region zu bieten hat. Das nahe Hudson Valley und die Halbinsel Long Island beeindrucken mit einer Fülle an feinen Produkten. Vorsicht: Das Buch löst Fernweh nach New York aus!

Die USA stehen derzeit unter herber Kritik. Auch ich habe meine Mühe mit ihrem Präsidenten, mit Pick-Ups und Konsumwahn, Zucker- und Fett-Bomben sowie manch ultrakonservativen Rednecks. Aber ich habe auch ein sehr großzügiges, weltoffenes und gastfreundliches Land kennen gelernt. Und ich denke auch an die Innovationen in Musik und Technik, an Portland, New York, die Avett Brothers und den oftmals konstruktiven Umgang mit Einwanderung. Und an manchen Vormittagen nun auch an feine Ham & Eggs aus dem Ofen.

Zutaten für acht eher kleine Portionen:
Pilzmasse: 1 Esslöffel Butter, 400 Gramm Champignons, 1 kleine Zwiebel, Thymian, etwas Zitronensaft, Salz und Pfeffer
Spinatmasse: 1 Esslöffel Butter, 1 kleine Zwiebel, 300 Gramm Babyspinat, Salz und Pfeffer
Außerdem: 16 dünne Scheiben Schinkenspeck, 8 Eier – und ebenso viele Muffin-Förmchen

Musik:
The Avett Brothers, Alben „I And Love And You“ aus dem Jahr 2009 (produziert von Rick Rubin, Label American) und „Live, Vol. 3“ aus dem Jahr 2013 (Label American), www.theavettbrothers.com

Buchtipp:
„I Love NY – Mein New York Kochbuch“ von Daniel Humm und Will Guidara, AT Verlag

Post Author: Dan

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