Linsenweisheiten und
Anekdoten zu Morrissey.

Ein feiner Salat aus bissfest gegarten Linsen steht im Mittelpunkt der dieswöchigen Rezeptgeschichte. Und Morrissey, der exzentrische Sänger aus Manchester. Schließlich ist er ein missionierender Vegetarier. Er hätte mit meinem Linsensalat sicher seine Freude!

Linsen waren mir viele Jahre lang ein Graus. Ich dachte an biedere, braune Eintöpfe. Vielleicht mit Würstchen, im schlimmsten Fall aus der Dose. Höchstens der Gruppenzwang in der Schul-Skiwoche veranlasste mich zum Verzehr. Von Genuss konnte nicht die Rede sein, es war eher ein vernunftorientiertes Hinunterwürgen einer braunen, matschigen Masse, um ein wenig Sättigungsgefühl aufkommen zu lassen. Allein schon dieses uncharmante Wort: Linsen!

Im Französischen klingt das gleich viel besser: „Lentilles“. Aus Frankreich stammen auch die Linsen, die plötzlich alles verändert haben, was ich vorher über diese Hülsenfrüchte wusste. Denn um die Gegend des Städtchens Le Puy in der Auvergne stammen die grün-schwarz gesprenkelten „Puy-Linsen“. Diese Sorte hat sich längst zum Stammgast auf dem Speiseplan des Probelokals gemausert. Manchmal gesellen sich inzwischen auch die kleinen, schwarzen Beluga-Linsen oder Berglinsen dazu.

Gute Gründe für feine Linsen
Für eine Linsen-Mahlzeit sprechen viele vernünftige Gründe – die stehen im Probelokal zwar niemals an erster Stelle, seien heute aber trotzdem erwähnt: Linsen sind ballaststoff- und proteinreich, haben einen riesigen Eiweiß-Anteil und beinhalten eine ordentliche Menge Zink, was für den Stoffwechsel gut ist. Außerdem sind Linsen sehr preiswert.

Flaumige Grießknödel setzen dem Salat aus Puy-Linsen die Krone auf

Viel wichtiger ist mir der gute Geschmack. Den erlebe ich immer dann, wenn ich einen würzigen Salat mit bissfest gekochten, lauwarmen Linsen zubereite. Dann brauche ich nur noch frisches Brot, und ich fühle mich wie in einem erstklassigen Bistro. Wie die Zubereitung eines optimalen Linsensalates geht, habe ich in einem Artikel des Gastrokritikers Wolfram Siebeck erfahren.

Kleine Linsen wie die aus „Le Puy“ müssen gar nicht eingeweicht werden. Eine große Tasse davon wird einfach in genügend leicht gesalzenem Wasser rund eine halbe Stunde lang geköchelt. Siebeck goss das Wasser nach der halben Garzeit ab und erneuerte es – das klingt ein wenig übertrieben.

Aber ich muss zugeben, einmal habe ich das Kochwasser nach einer Viertelstunde abgegossen und durch feine, heiße Hühnersuppe ersetzt. Das führte tatsächlich zu den besten Linsen, die ich je gegessen habe. Oft heißt es, das Kochwasser der Linsen dürfe nicht gesalzen werden – das stimmt bei den kleinen, bissfest zu garenden Linsen nicht. Leichtes Salzen ist okay. Übertreiben müssen Sie ja nicht, die Linsen brauchen kein Totes Meer, um genussfähig zu werden.

Auf das Dressing kommt es an: Sauer und zwiebelig!
Während die Linsen kochen, bereite ich das Dressing zu. Ich hacke eine Schalotte und eine Knoblauchzehe in sehr feine Würfelchen. Dazu kommen ein Teelöffel Senf, Salz, Pfeffer, zwei Esslöffel Essig und die knapp doppelte Menge Olivenöl. Ich verwende übrigens meist Sherry-Essig, der wunderbar zum nussigen Geschmack der Linsen passt. Darüber streue ich, wie so oft, eine Prise geräuchertes Paprikapulver. Die lauwarmen Linsen hebe ich unter das Dressing. Gelegentlich brate ich kleine Gemüsewürfel in Olivenöl an und mische sie unter den Salat (siehe Titelbild). Brot dazu ist Pflicht, ein kühler Weißwein die Kür. Wenn niemand zusieht, reiße ich eine Packung guter Kartoffelchips auf und verwende die knusprigen Teilchen als essbare Löffel.

Wenn niemand zusieht, verwandelt sich der Linsenteller in ein kleines Schlachtfeld

Grießknödel zur Krönung des Linsenfestes
Kürzlich setzte ich dem Linsensalat mit locker-leichten Grießknödeln die sättigende Krone auf. Dazu zerließ ich in einem Topf die Butter, warf eine gehackte Schalotte dazu, rührte nach zwei Minuten den Grieß ein und löschte mit Milch ab. Bei niedriger Temperatur quellte der Grieß in der warmen Milch, während ich immer wieder umrührte. Dazu kamen Salz, Pfeffer und eine kräftige Prise geriebene Muskatnuss. Die Grießmasse kühlte danach aus, während ich Salzwasser in einem großen Topf aufkochte. Dann rührte ich das Ei und das Eigelb ein. Mit feuchten Händen formte ich kleine Knödel, die ich im Salzwasser rund 10 Minuten sieden ließ. Die abgetropften Knödel wurden zum Finale in heißer Butter angebraten und auf den Linsensalat gesetzt. Wie der Pudel einer wolligen Mütze. Die Knödel schmecken auch ohne Linsen gut – man verträgt locker ein halbes Dutzend davon!

Meat Is Murder?
Niemand passt besser zu einem vegetarischen Gericht im November, als der aus Manchester stammende Sänger Steven Patrick Morrissey. Schließlich singt er nicht nur den saisonal passenden Titel „That November Spawned A Monster“, sondern hat auch schon ein Album namens „Meat Is Murder“ veröffentlicht. Der Vegetarier Morrissey war Sänger der legendären britischen Band „The Smiths“, die auch dank des charakteristischen Gitarrensounds von Johnny Marr unzählige Bands inspirierte und vielen Fans tief aus der Seele sprach.

Der Musikjournalist Gerhard Stöger rezensierte in der Zeitung „Falter“ einmal ein Album von Morrissey und schrieb über typische Fans von „The Smiths“: „Die normalen Teenager hatten Madonna, Michael Jackson und Duran Duran. Die Außenseiter und die Unglücklichen, die Grübler und die Mauerblümchen, die mit den schwarzen Pullovern und den Gedichten in der Schublade, hatten ‚The Smiths‘.“

Das Rätsel namens Morrissey
Leider trennten sich The Smiths schon nach fünf Jahren wieder – kein Wunder, Morrissey ist bestimmt kein einfacher Mensch. Der 59jährige hat eine wunderbare Stimme und ein beeindruckendes Auftreten. Viele Fans verehren ihn und versuchen bei Konzerten, die Bühne zu stürmen, was den Lohn der viel beschäftigten Bühnen-Securities sicher in die Höhe treibt. Die Texte des Exzentrikers sind oft zynisch und provokant, man weiß auch nicht ganz, für was er steht: Ist er links, nationalistisch, topfit oder schwerkrank? Das Rätsel um Morrissey trägt zu seinem Sonderstatus bei.

Morrissey ist in der Poster-Sammlung des Probelokals prominent vertreten

Eines ist sicher: Seine Musik begeistert. Einer der einprägsamsten Songs, den ich kenne, heißt „There Is A Light That Never Goes Out“ – wer bekundet seine Liebe schon mit Zeilen wie „If a doubledecker bus crashes into us – to die by your side, is such a heavenly way to die“? Die Tristesse eines regnerischen Sonntagnachmittags bringt auch niemand so gut auf den Punkt, wie Morrissey in „Everyday Is Like Sunday”. Und schon wenn das Intro von „Irish Blood, English Heart“ ertönt, beginne ich mitzuwippen und lauter zu drehen.

Hang The DJ!
Mit Morrissey verbinde ich eine Reihe an Anekdoten. Als DJ versuchte ich bei einer Party spätabends einmal, die Stimmung auf der vollen Tanzfläche noch weiter zu toppen, in dem ich den Smiths-Song „Panic!“ auflegte. Der Schuss ging nach hinten los: Die Tanzfläche leerte sich zusehends (die Grübler und Mauerblümchen sind offenbar keine Tänzer), und als die Liedzeile „Hang The DJ!“ mehrfach ertönte, zeigten zwei beduselte Gäste drohend auf mich. Ein Glück, dass das Lied nur exakt 2:18 Minuten dauert, denn „Sunday Bloody Sunday“ von U2 versöhnte im Anschluss die Partygäste. Merke: Lege als DJ nie „Panic!“ auf, sonst gerätst Du in ebensolche!

Dann denke ich an ein Morrissey-Konzert beim Festival „Eurockéennes“ im französischen Belfort, das ich vor ein paar Jahren besuchte. Er unterhielt die Menge im Stile einer Rampensau mit Testosteron-Überschuss. Doch beim Versuch, im Schlussapplaus das Hemd aufzureißen und ins Publikum zu werfen, scheiterte Morrissey kläglich: Er musste es unter offenkundiger Demut ganz langsam aufknöpfen. Merke: Mit der Qualität englischer Maßschneiderei ist nicht zu spaßen!

Morrissey bei seiner Nachmittags-Show in Belfort – kurz, bevor er das Hemd aufknöpfte

Und schließlich erinnere ich mich an seinen Auftritt in München. Als wir nach der geduldig ertragenen Anreise im Münchener Abendverkehr die Konzerthalle erreichten, wollten wir uns mit einem zünftigen Snack auf Morrisseys Auftritt einstimmen. Doch dann ertönte die Durchsage in der Halle: „Auf Wunsch des Künstlers, der Vegetarier ist, erhalten Sie an den Imbissständen heute nur Käse-Sandwiches!“ Ein Drama, wenn man hungrig ist, aber Käse nicht riechen kann. Merke: Gehe nie hungrig auf ein Morrissey-Konzert, wenn Du keinen Käse magst!

Ein Glück, dass uns nach dem Konzert eine Currywurst-Bude direkt vor der Halle erwartete. Und noch mehr Glück, dass inzwischen klar ist, dass sich die vegetarische Küche nicht auf Käse reduzieren muss. Warum nicht einfach Linsen, Linsen und nochmals Linsen?

Zutaten für 2 hungrige Bistro-Gäste:

Linsen: 200 Gramm Linsen, leicht gesalzenes Wasser zum Kochen (evtl. Hühnersuppe), 1 Teelöffel Senf, Salz, Pfeffer, evtl. geräuchertes Paprikapulver, 1 Schalotte, 1 Knoblauchzehe, 2 Esslöffel Essig (am besten Sherry-Essig), 4 Esslöffel Olivenöl; vielleicht kleine Gemüsewürfel, die Sie in Olivenöl scharf angebraten haben (zB Paprika, Zwiebel, Aubergine, Karotten) und in jedem Fall frisches Brot

Grießknödel: 100 Gramm Weizengrieß, 250 Milliliter Milch, 1 Esslöffel Butter, ½ Zwiebel, 1 ganzes Ei und 1 Eigelb, Salz, Pfeffer, Muskatnuss; Salzwasser zum Kochen, Butter zum Anbraten

Getränk: Ihr Lieblings-Weißwein

Musik: Alles von „The Smiths“ und „Morrissey“

Post Author: Dan

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