Der Sound der Krise.

Heute steht die Musik im Vordergrund. Auf der Speisekarte steht ein musikalischer Streifzug durch zwei Jahre Pandemie – und die Playlist für den Weg aus ihr heraus. Leider stürmte kurz vor Veröffentlichung die nächste Krise zur Tür herein. Deshalb gibt es zur Zwischenstärkung ein einfaches Rezept für eine würzige und süße Maissuppe, die dank des Tiefkühlers zwölf Monate im Jahr Saison hat.

Jede Zeit hat ihre Lieder. Wenn ich nur das Intro von „Un‘ estate Italiana“ von Gianna Nannini und Edoardo Bennato höre, fühle ich mich zurückversetzt in den unbeschwerten Sommer der Fußball-WM 1990. Und wenn jemand im Stile des Scorpions-Sängers Klaus Meine zu pfeifen beginnt, denke ich an „Wind Of Change“ und den unvergesslichen Zauber des Mauerfalls.

Egal, ob es gute oder schlechte Zeiten waren – jeder Lebensabschnitt ist mit bestimmten Liedern verbunden. „Wonderwall“ von Oasis wurde zur Hymne der Maturareise ins spanische Lloret. Und in meinen Ohren liegt noch jetzt die Melodie, die im Radio lief, als ich an Omas Totenbett gerufen wurde.

Die Musik wird bleiben
Als besondere Zeit wird dereinst auch die Corona-Pandemie in die Geschichte eingehen. Womöglich habe ich in ein paar Jahren den Baby-Elefanten vergessen. Und hoffentlich auch skurrile Kürzel wie FFP2 oder PCR aus den Erinnerungen gestrichen. Aber eines ist sicher: Die Lieder, die mich durch die Krise getragen haben, werden für immer nachklingen. Deshalb folgen heute ein paar subjektive Empfehlungen aus dem Probelokal: Welche Alben prägten die Pandemie? Und welche begleiten mich aus ihr hinaus?

Der Reihe nach. In die Misere hineingeschlittert bin ich mit der Band The National, so viel steht fest. Als ich Ende 2019 unter tausenden Menschen in Zürich den mitreißenden Opener „Rylan“ mitsang, ahnte noch niemand, dass es das letzte große Konzert für lange Zeit sein würde. Der Bariton des Sängers Matt Berninger nahm beim wunderbaren „Light Years“ schon ein wenig der Tristesse vorweg, die uns wenig später ereilen sollte.

Die Qual der Wahl vor dem Musikregal.

Corona den Marsch blasen
Als mein Sohn Florian zu Beginn des ersten Lockdowns Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ aus dem Fenster trompetete, zog die Gänsehaut über meinen Rücken. Denn es wurde uns bewusst: Es ist Krise. Aber wir halten zusammen und werden sie bewältigen.

Naiv glaubte ich zunächst, dass der Spuk in wenigen Wochen vorbei sein werde. Und dass die Krise die Gesellschaft solidarischer und die Welt besser machen könnte. Man erfreute sich über den blauen Himmel ohne Flugzeuge, klatschte für Pfleger und Ärztinnen. Und lachte beim Anblick der noch ungewohnten Schutzmasken.

Der anfänglichen Verwirrung versuchte ich mit Wortspielen zu begegnen. Ich kramte den Song „Die Wahrheit ist ein Virus des Elektro-Punk-Hoppers Rainer von Vielen aus der Plattenkiste. Oder Calexicos fast prophetischen Titel „Corona“, dessen Mariachi-Trompeten den Viren den Marsch blasen sollten.

Angesichts zunehmender Aufregung erinnerte ich mein Umfeld an „Don’t Panic“ von Coldplay. Oder an einen der besten Popsongs aller Zeiten, Depeche Modes „Enjoy The Silence“, der die Empfehlung für die verordnete Ruhepause schon im Namen trägt.

Triste Zeiten, triste Lieder
Als ich den Ernst der Lage erkannte, suhlte ich mich in Nick Caves zutiefst spirituellen Album Ghosteen. Das Lied „Bright Horses“ wird meine Corona-Hymne bleiben. Es heißt zwar, dass in Krisenzeiten stets der Schlager boomt, um die Menschen abzulenken. Doch aufgesetzte Fröhlichkeit macht für mich alles nur noch schlimmer. Triste Zeiten erfordern melancholische Lieder. Doch dass Nick Caves Konzerte laufend verschoben und letztlich abgesagt worden sind, bleibt natürlich ein bedauerlicher Nebeneffekt der Pandemie.

Die Strottern waren es schließlich, die mich im Corona-Frühling mit ihrer Wiener Mischung aus Melancholie und Humor wieder zum Schmunzeln brachten. Das Duo veröffentlichte aus ihrem musikalischen Homeoffice alle paar Tage ein Stück. Unter anderem „Wia tanzn ist“, eines der originellsten Liebeslieder, das jemals geschrieben wurde.

Den vermeintlichen „Sommer wie damals“ läuteten die Strokes mit ihrem formidablen Album „The New Abnormal“ ein. Und während ich mich mit Badehose und Sonnenbrille in Richtung Bodensee aufmachte, untermalten die Bleachers mit Titeln wie „Stop Making This Hurt“ aus ihrem neuen Album „Take The Sadness Out Of Saturday Night“ die wieder aufgeflammte Unbeschwertheit.

Im herbstlichen Lockdown entdeckte ich Sarah Jarosz‘ Album „World On The Ground“. Da stimmte nicht nur der Name, sondern auch der Klang dieser wunderbaren Folksongs. Sie machten den unerwartet heftigen Corona-Rückschlag erträglicher. Und als die Sorge über die zunehmende gesellschaftliche Anspannung stärker wurde, erschien zum Glück „Medicine At Midnight“. Das neue Album der Foo Fighters half, sich manchen Ärger vom Leib zu schreien.

Die fein sortierte Alben-Auswahl für den Frühling.

Endlich Frühling!
Und jetzt? Die Tage werden länger, die Sonne blinzelt verheißungsvoll durchs Fenster. Es lässt sich erahnen, dass sich die Corona-Nebel lichten. Wenigstens für eine Zeit lang. Und da drängen sie sich wieder auf, die Lieder des Frühlings. Klassiker wie „The Sun“ der Kärntner Band Naked Lunch, das gut gelaunte „Frühling“ der Sportfreunde Stiller oder „The Opening Act Of Spring“ von Frank Turner.

Es könnten lang ersehnte Frühlingsgefühle aufkommen. Das dachte ich mir zumindest, als ich Anfang Februar vorangegangene Zeilen schrieb. Doch jetzt hat mich die Geschichte eingeholt. Während sich die eine Sorge anschickt, sich langsam aus dem Staub zu machen – nämlich die pandemische – stürmt die andere zur Tür herein – und zwar die russische.

Nach der Krise ist vor der Krise
Ich dachte mir unlängst noch, womit wohl die Zeitungen und Nachrichtensendungen gefüllt werden, wenn Corona endlich ein wenig seinen Schrecken verliert. Jetzt weiß ich es. Leider. Ich bin in Gedanken bei den Menschen in der Ukraine. Aber auch bei den vielen Russen, die diesen Krieg ablehnen und unter den wahnsinnigen Ideen ihrer Führung und unter den Sanktionen leiden.

Und ich sorge mich über die Zukunft unserer westlichen Demokratien, die uns so selbstverständlich geworden sind. Das zeigten bereits manche Demonstrationszüge, die unter dem Vorwand des Corona-Maßnahmenprotests von Diktatur und Lügenpresse brüllten.  

Da fällt mir ein, dass es offenbar seit langem ein Ziel der russischen Führung ist, Europa und den demokratischen Westen zu destabilisieren. Nicht zuletzt mit einer Fülle an Desinformation, die Verschwörungstheorien befeuert und auch Verständnis für Putins Verhalten erzeugen soll.

Auch der Mais zeigt derzeit Flagge.

Nicht, das unsere Demokratie perfekt oder alle Corona-Maßnahmen optimal wären. Aber was ist das schon im Vergleich zu den Machenschaften der Autokraten dieser Welt? Mir ist an den letzten Tagen eine Textzeile der Toten Hosen eingefallen, die aus dem Lied „Auswärtsspiel“ stammt.

Irgendwann kommt für jeden mal der Tag,

an dem man sich entscheiden muss.

Auf welcher Seite man im Leben ist

auch wenn es noch so sehr weh tut.

Wir Europäer werden in unseren satten Demokratien stärker Flagge zeigen müssen. Das wird nicht nur bequem sein. Denn sie sind alles andere als selbstverständlich, unsere lieb gewonnenen westlichen Werte: Eine liberale Demokratie, die weitgehende individuelle Freiheit und eine ökosoziale Marktwirtschaft.

Ich bin für mehr gemeinsames Europa. Jetzt erst recht!

Spätestens jetzt ist klar, dass es dafür keine Garantie mehr gibt. Zurücklehnen geht nicht mehr, wenn uns daran etwas liegt. Wenn die Krise trotz der furchtbaren Opfer wenigstens eine Chance hat, dann die, dass Europa zusammenrückt und Menschen über die Grenzen der einzelnen Staaten hinaus entschlossen für die westlichen Werte einstehen. Ich bin dabei.

Europäische Mais-Suppe
Zurück von der Weltpolitik ins kleine Reich der eigenen Küche. Kulinarisch kann man derzeit nicht aus dem Vollen schöpfen. Doch Mais hat im Probelokal ganzjährig Saison. Wenn im Spätsommer die Kolben auf den Feldern reif sind, kann man sich natürlich frisches Gemüse organisieren. Doch dem Tiefkühler sei Dank: Es gibt feinen Bio-Mais, der sofort nach der Ernte eingefroren wird und deutlich besser schmeckt, als Dosenware. Er hat zwölf Monate lang Saison.  

Im Sommer wird die Suppe aus frischen Maiskolben zubereitet. Im Winter hilft die Tiefkühltruhe.

Das zweite Geheimnis feiner Maissuppe: Kräftige, hausgemachte Suppe zum Aufgießen. Am liebsten verwende ich Hühnersuppe. Aber auch selbst gemachter Gemüsefond schmeckt ganz ausgezeichnet. Mit gekauftem Pulver gelingt sie Suppe natürlich auch, nur müssen Sie dann mit einem mindestens um 30% geringeren Geschmackserlebnis rechnen. Das ist okay, aber niemals ein Hochgenuss. Von nichts kommt nichts. Wie in einer Demokratie.

So köchle ich im Probelokal die Maissuppe: In einem Topf erhitze ich das Maiskeimöl. Die zuvor fein geschnittene Zwiebel wird darin bei mittlerer Hitze wenige Minuten angeschwitzt, ehe der gehackte Knoblauch (oder noch besser – die hausgemachte Knoblauch-Paste) und die Maiskörner dazu kommen. Die Körner dürfen ruhig unterkühlt aus dem Eisschrank kommen. Nach drei, vier Minuten und gelegentlichem Umrühren gieße ich den Schuss Ahornsirup ins Vergnügen. Ein Schritt, der nicht zwingend notwendig ist, aber ich bilde mir ein, dass die Suppe durch die herbe Süße noch runder schmeckt.

Abgelöscht wird mit trockenem Wermut, einem Gewürzwein, der im Probelokal meist aus dem Haus „Noilly Prat“ kommt. Machen Sie sich keine Gedanken wegen der korrekten Aussprache, Hauptsache, der südfranzösische Tropfen schmeckt exzellent.

Aus achtlos hingekritzelten Rezepten werden übrigens oft feine Gerichte.

Gut abschmecken
Der Wein kocht ein wenig ein, dann wird mit klarer Suppe aufgegossen. Im Idealfalls haben Sie sich selbst einen Vorrat gekocht (zB die Probelokal-Hühnersuppe). Bei niedriger Temperatur köchelt nun das Gemüse in der Suppe. Nach zwanzig Minuten geht’s schon ins Finale: Ich gieße den Rahm dazu, drücke einige Tropfen Limettensaft hinein, und würze mit feinem Currypulver, Salz und Pfeffer. Mit dem Mixstab püriere ich nun die Suppe und drücke sie durch ein feines Sieb in einen anderen Topf.

Dann schmecke ich ab, korrigiere noch mit etwas Salz, Pfeffer oder gieße – falls ich es mit dem Limettensaft zu gut gemeint habe – noch einen Schuss Rahm dazu, damit sie milder wird. Bevor die Suppe in Teller gegossen auf den Tisch kommt, mixe ich sie nochmals etwas auf, damit feiner Schaum an der Oberfläche entsteht. Am Ende streue ich noch etwas geräuchertes Paprikapulver darüber. Ob Sie die scharfe oder milde Version nehmen, liegt an Ihnen und der Empfindlichkeit Ihrer Gäste. Bei mir gilt die Devise: Lieber eine Spur zu scharf.  

Das geräucherte Paprikapulver obenauf ist keine Pflicht, aber eine feine Kür.

Ab in den Plattenladen!
Das Leben muss weiter gehen. Und trotz aller Widrigkeiten ist jetzt die richtige Zeit, um sich nach neuer Musik umzuhören. Das geht übrigens auch abseits der seelenlosen Entertainment-Giganten von Spotify und Amazon. Man sollte es einfach Papst Franziskus gleich tun, der kürzlich in Rom höchstpersönlich in einem kleinen Plattenladen vorbei schaute.

Dort entdeckt man Newcomer wie die Indie-Popper der Band Bilbao, die mit Titeln wie „Get Up!“ auf die warme Jahreszeit einstimmen. Oder die aus Japan stammende Musikerin Mitski („Love Me More“) und den englischen Singer-Songwriter Sam Fender mit seinem mitreißenden „Seventeen Going Under“. Und nebenbei lässt sich schon das neue Calexico-Album reservieren, das für April angekündigt wurde.

Musik von Welt aus Österreich
Übrigens staune ich, wie viel ambitionierte Musik aus Österreich sich derzeit in die Welt aufmacht. Etwa „Fast“ von Greyshadow, „Rub My Eyes“ der Wiener Popband Hearts Hearts, „Nobody“ von Farewell Dear Ghost oder „Good Time“ von Velar Prana.  

Und wem das zu viel Neuland ist, kann auf ein musikalisches Allheilmittel zurückgreifen, das garantiert gegen jede Verstimmung hilft: Der harmonische Klang von STS. Ganz viel Trost in mühsamen Zeiten liegt im Titel „Es kommt wieder a Sommer. Hören Sie rein. Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, ist es auch noch nicht das Ende.

Zutaten (wenn möglich in Bio-Qualität):
500 Gramm Maiskörner (im Winter aus dem Tiefkühlschrank, im Sommer von frischen Kolben geschnitten – nur keine Dosenware!), 1 Zwiebel, 1 Knoblauchzehe (Tipp: Rezept Knoblauchpaste), 1 Esslöffel Ahornsirup, 150 Milliliter Noilly Prat, 800 Milliliter Gemüse- oder Hühnersuppe (Tipp: Rezept Hühnersuppe), 1 Teelöffel Currypulver, 150 Milliliter Rahm, 1 Limette, Salz, Pfeffer, geräuchertes Paprikapulver (scharf oder mild – es liegt an Ihnen!), Maiskeimöl

Post Author: Dan

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