Ein musikalischer Jahreswechsel voller Leidenschaft.

Die Zeit zwischen den Weihnachts-Feiertagen und dem Jahreswechsel ist sehr dicht: Emotional, kulinarisch und musikalisch. Zu Silvester stärken wir uns mit einem vitaminreichen Ananas-Cocktail, knabbern an hausgemachten Grissini und schwelgen in einer Hommage an die Musik. Sie stammt von Roger Willemsen. Ich hoffe, Sie konnten die Weihnachtsfeiertage auskosten! Im Gegensatz zu den tapferen Menschen, die ihre Brötchen im Handel verdienen. Ich staune immer wieder, wie viele aufgeregte Kunden noch kurz vor dem Heiligen Abend auf die geduldigen Bediensteten in den Supermärkten los gelassen werden. Da werden die Fleischtheken gestürmt, als gäbe es kein Morgen. Hätte man sich in diesem Trubel nicht auf die Feiertage gefreut, hätte man glatt Blaise Pascal zustimmen können, dem französischen Mathematiker, Physiker und Religionsphilosoph: Er verzweifelte schon im 17. Jahrhundert gelegentlich am menschlichen Wesen und meinte: „Alles Unheil kommt von einer einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrem Zimmer bleiben können.” Und nach dem kurzen Durchatmen an den Feiertagen geht es am 27. Dezember in selber Intensität weiter. Diese Jahreszeit ist für die Mitarbeiter im Handel kein Honiglecken. Für jene, die zwischen Weihnachten und Dreikönig zur Ruhe kommen, handelt es sich in anderer Hinsicht um eine dichte Zeit – es gibt viel und gut zu essen und zu trinken. Neue Rezepte können ausprobiert werden. Man hat Zeit, über dies und jenes nachzudenken; vielleicht Bilanz zu ziehen über das abgelaufene Jahr. Es werden erste Vorsätze für 2019 geknüpft. Und man kann sich vollen Herzens in die Musik stürzen. Sie gehört zum Jahreswechsel, wie das „Dinner for one“. Die richtige Zeit für die richtige Musik In meiner Kindheit freute ich mich immer auf den Silvestertag, weil dann auf 3sat den ganzen Tag Konzerte gezeigt wurden. Noch heute geben sich unter dem Titel „Pop Around The Clock“ die Haudegen der Pop- und Rockszene die Türklinke in die Hand. Heuer etwa Herbert Grönemeyer, U2 oder die Pet Shop Boys. Schwungvoll-klassisch starten dann am nächsten Morgen die Wiener Philharmoniker in ihr Neujahrskonzert. Das erlebte ich wegen Schlafmangels allerdings noch nie, ohne dabei einzunicken.
Zwischen Baum und Krippe findet sich immer ein schönes Album voller Musik
An diesen Tagen finde ich endlich auch die Zeit, ein ganzes Musikalbum in Ruhe anzuhören. Da wird mir wieder bewusst, wie genau sich viele Künstlerinnen überlegen, welche Titel sie in einem Werk aneinander reihen. Man entdeckt Songs, die einem die Algorithmen der Streamingdienste in der standardisierten und hit-gierigen Abwicklung der alltäglichen Musikuntermalung vorenthalten würden. Plötzlich merke ich, wie die Wertschätzung für gute Musik zurückkommt – mit tiefem Empfinden des Gehörten. Man muss sich „nur“ darauf einlassen. In der weihnachtlichen Rezeptgeschichte legte ich Ihnen schon die Alben „Christmas With My Friends“ von Nils Landgren ans Herz. Sie führten mich zu weiteren Alben aus dem Umfeld des schwedischen Jazzposaunisten. Etwa zu „True Love“ der Sängerin Ida Sand, die darauf ein faszinierendes Cover von Bob Marleys Klassiker „Redemption Song“ darbietet. Oder zu „Eternal Beauty“, das Nils Landgren mit dem Pianisten Michael Wollny und Lars Daniellson am Bass aufgenommen hat, zB den Titel Love Is Real. Alles wunderbar um diese Zeit, besonders wenn das Kaminfeuer knistert. Dazu brauchen Sie übrigens keinen Ofen, die Youtube-Version knistert stundenlang und praktisch emissionsfrei für Sie. Roger Willemsen und die Musik Und während ich dieser Tage bewusst ein paar Alben genieße, schnappe ich mir zur Krönung der Stimmung ein Buch, das mir in der Auslage meines Lieblings-Buchladens ins Auge gesprungen ist. Es heißt „Musik!“ und stammt von Roger Willemsen. Als der deutsche Publizist und Moderator vor knapp zwei Jahren gestorben ist, traf mich das sehr. Denn wann immer Willemsen im Fernsehen auftrat, wann immer er einen Text in einer Zeitung veröffentlichte, über Musik philosophierte oder ein Buch schrieb, war das ein Fest. Er formulierte geistreich und voller Leidenschaft. Selbst gesellschaftliche Fehlentwicklungen beschrieb er so elegant wie schonungslos (legendär geworden ist sein Verriss von Heidi Klum und ihrer Sendung „Germany’s Next Topmodel“).
Stillleben mit Empfehlungen des Probelokals
„Musik höre ich wehrlos”, sagte Roger Willemsen einmal. Und wenn er über Musik philosophierte, wirkte er nicht abgehoben – er konnte meisterhaft zum Ausdruck bringen, was er fühlte, und man fühlte mit. Und er blickte keineswegs besserwisserisch auf sein Publikum herab, sondern agierte irgendwie auf Augenhöhe. Als säße man gemütlich bei einem Glas beieinander. Wie mit einem Weinkenner, der nicht mit seinem Wissen prahlen will, sondern den Wein wirklich liebt. Das neue Buch „Musik!“ ließ Willemsens Herausgeberin Insa Wilke unlängst aus Texten seines Nachlasses veröffentlichen. Ich habe zwar erst begonnen, es zu lesen. Aber ich lege es Ihnen schon jetzt nachdrücklich ans Herz. Eine profunde Rezension ist von Florian Zinnecker in der ZEIT erschienen. Ananas – die fruchtfleischgewordene Silvesternacht Gezeichnet vom Völlegefühl der Festtage brauche ich zum Jahreswechsel einen stärkenden Drink. Der heute vorgestellte Frucht-Cocktail schmeckt nicht nur fantastisch, er steckt auch voller Vitamine. Hauptdarstellerin ist die Ananas. Sie ist für mich die fruchtfleischgewordene Silvesternacht. Ich halte ein ganzes Jahr ohne sie aus, aber Ende Dezember ist sie mein Dauergast. Nicht nur, weil sie mit ihren aus der Frucht sprießenden Blättern geradezu aussieht wie ein Silvester-Feuerwerk. Schälen Sie die Ananas und schneiden Sie das Fruchtfleisch in Stücke. Egal, wenn noch ein paar braune Stellen zurück bleiben, das Obst wird ohnedies gemixt und gesiebt. Dasselbe machen Sie mit einer Mango und der Ingwerknolle. Die Fruchtstücke werfen Sie in einen Standmixer, darüber lassen Sie den Vanillezucker rieseln. Dann schalten Sie den Mixer ein. Das Fruchtmark stellen Sie nun für ein paar Stunden in die Kühle.
Der Mixer verwandelt die Früchte in feines Mark
Vor dem Servieren drücken Sie das Mark durch ein großes, feines Sieb. Den gewonnen Saft spritzen Sie mit kaltem Mineralwasser auf und erhalten den feinsten alkoholfreien Silvester-Cocktail, den ich kenne. Je nach Feierlaune können Sie statt Mineralwasser natürlich Sekt nehmen. Die Italien-Fans unter Ihnen köpfen eine Flasche Prosecco, die Leserinnen mit Noblesse schnappen sich feinen Champagner. Auch ein Schuss Rum passt gut. Hausgemachte Grissini Weil das gesellige Trinken ohne Knabbern schwer vorstellbar ist, backen wir uns eine Ladung Grissini. Der kleine Aufwand lohnt sich! Die Brotstangen mit Olivenöl und Gewürzen schmecken aus dem eigenen Ofen hundertmal besser, als die Industrieware aus dem Supermarkt. Ein gutes Rezept habe ich im „Larousse Buch vom Brot“ gefunden, das Éric Kayser geschrieben hat. Er gilt als bester Bäcker Frankreichs und stammt aus einer Familie, die seit 250 Jahren in einer Pariser Bäckerei Brot herstellt.
Bestreut mit Mohn sind die Grissini sehr fein
Mit den Knethaken eines Handmixers mischen Sie das Mehl in einer Schüssel mit dem Wasser, dem Salz, dem Sauerteig und der Hefe (Meister Kayser verwendet frische Backhefe und flüssigen Sauerteig, ich hatte beides nicht vorrätig und erzielte mit handelsüblichem Trocken-Hefe und -Sauerteig auch ein gutes Ergebnis). Vier Minuten kneten Sie bei niedriger Stufe, dann genauso lange bei höherer Stufe. Dazu kommt das Olivenöl, das dann für weitere zwei Minuten eingearbeitet wird. Den Teig knete ich noch kurz von Hand, bevor er zu einer Kugel geformt zugedeckt eine halbe Stunde rastet. Dann drücken Sie die Luft aus dem Teig und lassen ihn nochmals eine halbe Stunde zugedeckt rasten. Auf einer mit Mehl bestäubten Arbeitsfläche rollen Sie nun mit einem Nudelholz den Teig aus – er sollte etwa 1 cm dick sein. Schneiden Sie mit einem Messer 1 cm dicke Streifen ab, die Sie aus optischen Gründen etwas eindrehen und auf einem Blech mit Backpapier lagern.
Die Teigstreifen werden spiralförmig eingedreht – das sieht dekorativ aus
Es sieht sehr dekorativ aus, wenn Sie 2 cm dicke Streifen abschneiden und diese in der Mitte teilen, jedoch an einem Ende zusammen hängen lassen. Dann können Sie die zwei Teigstreifen ineinander zu einer Spirale eindrehen (siehe Foto). Diese Spiralen kann man etwa in Graumohn wälzen. Einen Teil des Teiges habe ich mit geräuchertem Paprikapulver und Kräutersalz gewürzt. Die Bleche mit den Teigstreifen kommen nun bei 210 Grad Umluft ins heiße Backrohr. Ein ofenfestes Schälchen mit Wasser sollte den Grissini im Ofen Gesellschaft leisten, dann erzielen Sie das beste Ergebnis. Ich machte mich gleich nach dem Backen über die noch warmen Grissini her. Die Variante mit dem Paprikapulver schmeckte mir eindeutig am besten. Nun wünsche ich Ihnen einen guten Start ins Jahr 2019 – ich freue mich, wenn Sie dem Probelokal gewogen bleiben! Zutaten für vier Personen: Ananas-Cocktail: 1 Ananas, 1 Mango, Stück Ingwer (ca. 3-4 cm), 1 Teelöffel Vanillezucker, 250 Milliliter Mineralwasser oder Sekt, evtl. ein Schuss Rum Grissini: 500 Gramm Weizenmehl (Éric Kayser empfiehlt Mehl-Typ 550, ich habe Pizzamehl Typ 480 genommen und war sehr zufrieden!), 210 Milliliter lauwarmes Wasser, 12 Gramm Trocken-Sauerteig und 10 Gramm Trocken-Hefe (jeweils Pulver aus dem Handel), 10 Gramm Salz, 70 Milliliter Olivenöl; zum Würzen – je nach Geschmack – getrocknete Kräuter, geräuchertes Paprikapulver oder fein gehackte Oliven Lesetipps: Larousse Das Buch vom Brot – Éric Kayser, Verlag Edel Books, 2015 Musik! von Roger Willemsen, Verlag S. Fischer Ich empfehle Ihnen noch ein bemerkenswertes Interview mit Roger Willemsen aus dem Jahr 2008: https://www.zeit.de/campus/2008/04/roger-willemsen-mensatalk Musik: Album „True Love“ aus dem Jahr 2009 von Ida Sand, Label ACT Album „Eternal Beauty“ aus dem Jahr 2014 von Nils Landgren und Gästen, Label ACT TV-Tipp: Pop Around The Clock auf 3sat am 31. Dezember von 0 bis 24 Uhr Neujahrskonzert in ORF 2 am 1. Jänner um 11:15 Uhr

Post Author: Dan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may also like

Kaiserschmarren mit Apfel und Zimt

Stärkung für die Winterreise.

Sommerliches Ofen-Gemüse

Einfaches aus der Heimat.

Hereinspaziert und ausprobiert

Willkommen in Dan’s Probelokal!
Auf dem Menüplan dieses Online-Lokals stehen stets frische Rezeptgeschichten. Als Beilage gibt es musikalische Entdeckungen und kritische Blicke auf unsere Gesellschaft.

Newsletter-Anmeldung
Wer sich für den Newsletter anmeldet, bekommt die Rezeptgeschichten immer vorab, frisch und heiß serviert. Senden Sie einfach eine E-Mail mit Betreff „Newsletter” an dan@probelokal.com. Ihre Adresse wird natürlich nicht weitergegeben. Bis bald!

Folgen Sie Dan’s Probelokal

Zweite Wahl

Im Probelokal werden viele Rezepte ausprobiert. Doch nicht aus jedem wird eine eigene Geschichte, weil schlicht die Zeit dazu fehlt. Deshalb sehen Sie hier wechselnde Gerichte zweiter Wahl.

Falls ich Ihnen ein Rezept dieser Spalte senden soll, dann schreiben Sie mir: dan@probelokal.com. Und wenn Sie wollen, dann spenden Sie als Gegenleistung dem Verein „Herzkinder Österreich” ein paar Euro. Vielen Dank!

Eingelegte rote Zwiebeln

Die Vorratskammer füllt sich derzeit mit frischem Gemüse, das für die kalten Monate eingelegt wird. Etwa mit diesen roten Zwiebeln in süß-saurer Marinade. Ich freue mich schon darauf, die Gläser zur herbstlichen Jause in ein paar Wochen zu öffnen.

Oder:

Kartoffel-Brot

Dieses luftig-leichte Kartoffel-Brot passt optimal zu einem gemütlichen Wochenende. Allein der Duft aus dem Backofen versetzt mich zurück in die herrlichen Samstagabende der Kindheit. Fehlt nur noch, dass Thomas Gottschalk, Frank Elstner oder Rudi Carrell eine Fernseh-Show anmoderieren.

Oder: Knusprige Kartoffelknödelchen

Sind es zu groß geratene Gnocchi? Oder zu klein gerollte Knödel? Oder gar zu runde Schupfnudeln? Egal, diese kleinen Knödel aus Kartoffelteig schmecken vorzüglich. In brauner Butter geschwenkt, vielleicht noch mit ein paar Speckwürfeln. Alpen-Streetfood vom Feinsten!

Aufgewärmt

Zitronen-Limonade

Jetzt, mitten in den Schulferien, schlägt wieder die Stunde der hausgemachten Zitronen-Limonade. Am besten schmeckt sie natürlich direkt aus dem Limonadenbaum. Das wusste schon Pippi Langstrumpf. Die Geschichte dazu und das Rezept finden Sie hier. 

Knoblauch-Paste

Vampire, nehmt euch in Acht: Jetzt wird wieder Knoblauch-Paste produziert, um gesund und würzig durch den Herbst zu kommen. Dazu braucht es nur frischen Knoblauch, viel Olivenöl und einen großen Standmixer – hier sind die Details.

Rot-weiß-roter Cocktail

Wenn man ein, zwei oder vielleicht sogar drei dieses süffigen Erdbeer-Cocktails genehmigt, steigt nicht nur das Fußball-Fieber. Es steigt auch der Glaube an die große Sensation im Wembley-Stadion, wenn Österreich gegen Italien spielt… Das Rezept finden Sie hier.

Kartoffelsalat mit Backhendl

Ein Leibgericht, ein Nationalgericht, eine Wohltat als Belohnung nach einer arbeitsreichen Woche: Ganz viel Kartoffelsalat mit einer Extraportion Frühlingszwiebeln. Und dazu ein paar Streifen frisch panierter Backhendl. Alles Wissenswerte dazu finden Sie in der Rezeptgeschichte vom April 2020. 

Burger mit Ofen-Pommes

Burger sind derzeit in aller Munde – bevor der Hype vorbei ist, gibt es dieser Tage nochmals das Burger-Rezept vom Februar 2021. Sogar das Brot ist selbstgemacht, denn wenn es im Probelokal schon Fast Food gibt, dann gewiss in Slow-Food-Qualität.

 

Das kürzeste längste Rezept des Jahres

Hilfe, es weihnachtet schon!

Normalerweise rege ich mich schon auf, wenn sich im August weihnachtliche Lebkuchen im Supermarkt-Regal stapeln. Doch diesmal breche ich selbst alle Rekorde – denn die Weihnachtsvorbereitungen im Probelokal beginnen heuer bereits im Frühling.

Denn wer jetzt drei Vanilleschoten auseinander schneidet, aufschlitzt, in ein Schraubglas legt und mit Wodka abdeckt, darf sich im November über feinstes Vanille-Extrakt freuen. Ein Löffelchen des angesetzten Zaubertranks genügt, um Weihnachtskekse, Punsch und Desserts herrlich vanillig zu würzen. Also: Frohe Weihnachten!

Rezept-Geschichten

Erinnerungen

Im Juni 2o13:
ZEIT-Magazin-Kochwettbewerb

(Foto: Sina Görtz für das ZEIT-Magazin)

Im Juni 2013 bestritten Schwägerin Sonja und ich im Stuttgarter Hotel am Schlossgarten das Finale des ZEIT-Magazin-Kochwettbewerbs. Gerne erinnern wir uns an diese Hitzeschlacht mit Happy End. Leider ist Wolfram Siebeck (ganz links) inzwischen verstorben – seine scharfen kulinarischen Kolumnen werden nicht nur im Probelokal vermisst. Den Bericht vom Kochwettbewerb finden Sie hier.