Süße Kartoffeln statt saure Erdäpfel.

Egal, ob Sie dieser Tage traditionell Allerheiligen feiern oder eine amerikanisierte Halloween-Party geben: Hier ist ein Gustostück für die herbstliche Kaffee-Tafel. Die Hauptzutat mag Ihnen seltsam vorkommen – denn im Mittelpunkt stehen heute Süßkartoffeln, die ihrem Namen alle Ehre machen.

Kuchen haben oft etwas Biederes – ich denke an den Nachmittags-Kaffee regnerischer Sonntage vor dreißig Jahren, zu denen immer Erbschleicher-Wunschkonzerte im Regional-Radio gesendet wurden. Auf Hot Rotation lief dabei das Lied „Ich schenk Dir nur rote Rosen“ der Sulmtaler Dirndln, während ich an Morrisseys „Everyday Is Like Sunday“ gedacht habe.

Oder ich denke an Crèmeschnitten einer pastellfarbenen Cafeteria eines Pflegeheimes, in der womöglich gerade eine Aquarell-Ausstellung eröffnet wurde. Den Soundtrack dazu lieferte Udo Jürgens mit „Aber bitte mit Sahne“. Es ist Zeit, die Kuchen aus der spießigen Ecke angestaubter Cafeterias herauszuholen und sie in die Vitrine eines lichtdurchfluteten, urbanen Kaffeeladens zu setzen.

Ich konnte nicht mehr warten, bis Sie fertig gelesen haben!

Süße Kartoffeln haben nichts mit Marzipan zu tun
Das geht derzeit am besten mit Süßkartoffeln. In Lateinamerika oder Afrika spielen die rötlichen Knollen schon lange eine Hauptrolle auf dem Speiseplan. In unseren Breiten sind sie erst seit wenigen Jahren in aller Munde. Als ich klein war, dachte ich bei süßen Kartoffeln höchstens an überzuckerte Marzipan-Kartoffeln.

Mit der klassischen Kartoffel, einem Nachtschattengewächs, haben die Süßkartoffeln aus botanischer Sicht übrigens fast nichts zu tun. Es ist eigentlich nur der Name. Aber Donald Trump und Donald Duck haben auch ähnliche Namen und idente Geburtsländer, ansonsten handelt es sich jedoch um völlig andere Konzepte des Daseins.

In der Regel bin ich für Experimente mit Obst und Gemüse nicht zu haben. Genauso, wie ich keine Früchte in pikanten Hauptspeisen finden mag (die gehören in den Nachtisch!), verzichte ich auch auf Gemüse in süßer Form. Einzige Ausnahme war bisher die Karotten-Torte.

Und seit wenigen Tagen akzeptiere ich auch diese Süßkartoffel-Tarte. Sie passt auf die Kaffee-Tafel zu Allerheiligen. Auch geht sie zu Halloween als „Süßes“ durch und hilft, „Saures“ zu vermeiden. Und wahrscheinlich freuen sich auch meine zwei amerikanischen Stammleser dieser Seite: Denn zum baldigen Thanksgiving gehören neben dem Truthahn auch Süßkartoffeln. Diesmal als Dessert.

Das Rezept diente mir auch als Gelegenheit, meinen Frieden mit Mürbteig zu schließen. Allzu oft bin ich bei dessen Zubereitung gescheitert. Mal habe ich ihn zu lange mit den Händen geknetet, weshalb er warum und brüchig wurde. Ein anderes Mal geriet der Teig so speckig, dass er schnurstracks in den Abfallkübel wanderte.

Die Mürbteig-Zubereitung beginnt mit Mehl und viel kalter Butter.

Für den Mürbteig Mehl, klein gewürfelte Butter und Zucker in einer großen Schüssel mit dem Knethaken grob vermischen, Salz, Zimt und Ei unterheben, durchkneten und zu einer Teigkugel formen. In Klarsichtfolie wickeln und ein paar Stunden kühlstellen.    

Engagierte Folk-Musik versüßt das Tarte-Backen
Währenddessen hören Sie sich die amerikanischen Folkmusiker Dave Rawlings und Gillian Welch an und fahren mit ihnen bei „The Weekend“ gemütlich in ein langes Wochenende. Vielleicht nach „California”, um dort das wunderbare politische Lied „I Hear Thema All“ zu hören, das nach wenigen Minuten in die Hymne „This Land Is Your Land“ überleitet, die von Folk-Legende Woodie Guthrie geschrieben wurde.

Beschwingt bereiten Sie nun die Tarte-Füllung vor: Dazu bringen Sie in einem großen Topf Wasser zum Kochen, um die geschälten und in grobe Stücke geschnittenen Süßkartoffeln darin in einer knappen halben Stunde weich zu bekommen. Dann gießen Sie das Gemüse ab, lassen es etwas auskühlen und pürieren es mit dem Mixstab.

Anschließend rollen Sie die Mürbteig-Kugel auf einer bemehlten Fläche ca. 3 Millimeter dünn aus. Damit nichts klebt, können Sie den Teig auch zwischen zwei Bögen Backpapier ausrollen. Mithilfe eines Nudelholzes rollen Sie die dünne Teigplatte ein wenig auf und legen sie auf eine Tarteform mit rund 24 Zentimetern Durchmesser. Dann drücken Sie mit den Fingern den Teig in die Form und die Innenränder, damit alles gleichmäßig ausgekleidet ist. Dann darf die Form nochmals in den Kühlschrank.

Währenddessen verquirlen Sie in einer Schüssel die Eier, rühren den Rahm, den Ahornsirup und den Vanillezucker unter. In einer weiteren Schüssel vermengen Sie den Zucker mit dem Mehl, dem Salz und den herbstlichen Gewürzen. Den Inhalt beider Schüsseln leeren Sie nun auf die passierte Süßkartoffel-Masse. Mit einem Schneebesen vermischen Sie alle Zutaten gut miteinander – fertig ist die Tarte-Füllung.

Die Tarte-Füllung landet in der Form.

Der Backofen wird auf 180 Grad Ober-/Unterhitze– oder 160 Grad Umluft – vorgeheizt. Nun holen Sie die Tarte-Form aus dem Kühlschrank. Bedecken Sie den Mürbteig-Boden mit etwas Alufolie und beschweren Sie ihn mit getrockneten Bohnen. Dieser Vorgang nennt sich „Blindbacken“ – der Teig wird ohne Füllung vorgebacken, damit er die richtige Konsistenz bekommt. Und damit er beim Vorbacken nicht unerwünscht aufgeht, wird er mit Bohnen beschwert. Die Form kommt für 15 Minuten in den Ofen, danach entfernen Sie die Alufolie und die Bohnen und lassen den Teig ganz alleine für fünf Minuten im Backrohr fest werden.

Danach gießen Sie die Süßkartoffel-Masse auf den warmen Teigboden in die Tarte-Form. Nun kommt die Form zum dritten Mal in den Ofen, diesmal für eine knappe Stunde. Die Füllung wird schön braun und fest, wird beim Herausnehmen aber noch leicht wackeln, wie ein Pudding. Das passt so! Auf einem Kuchengitter lassen Sie die Tarte auskühlen und fest werden. Vor dem Servieren schlage ich noch etwas Schlagrahm, den ich mit etwas Zimt und Ahornsirup aromatisiere.

Sieht aus wie Pacman, ist aber die angeschnittene Süßkartoffel-Tarte.

Wenn dieser Tage nun gruselig verkleidete Kinder vor Ihrer Tür stehen, geben Sie ihnen ein Stück Süßkartoffel-Tarte. Und wenn Verwandte nach dem Friedhofsbesuch an Allerheiligen bei Ihnen zukehren, werden sie mit diesem Schmackofatz ebenfalls ihre Freude haben.

Zutaten für eine Tarte:
Mürbteig: 300 Gramm Mehl, 200 Gramm Butter, 100 Gramm feiner Zucker, 1 Ei, eine kräftige Prise Salz und eine noch kräftigere Prise Zimt
Füllung: 800 Gramm Süßkartoffeln, 250 Milliliter Rahm, 3 Eier, 60 Milliliter Ahornsirup, 20 Gramm Vanillezucker, 220 Gramm Zucker, 20 Gramm Mehl, ein Teelöffel Salz, ein Teelöffel mit herbstlichen Gewürzen (vor allem Zimt, dazu etwas Nelkenpulver und geriebene Muskatnuss, evtl. etwas Ingwerpulver)
Zum Servieren: 250 Milliliter Rahm, 2 Esslöffel Ahornsirup, eine Prise Zimt

Musiktipp:
Album „A Friend Of A Friend“ von Dave Rawlings Machine aus dem Jahr 2009, Label Acony Records,
https://davidrawlingsmusic.com

Post Author: Dan

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