Ist das noch Kartoffel-Salat?

Guter Geschmack für die ersten Frühsommer-Abende

Kürzlich hat mich ein Stammgast des Probelokals angesprochen. Die Leserin meinte, sie habe das Rezept des Vormonats – eine Crème aus Erdbeeren und weißer Schokolade – noch nicht ausprobiert. Allein die Fotos hätten sie abgeschreckt, das Dessert habe schlicht zu aufwändig und kompliziert gewirkt.

Nun, liebe Frau, es wird einem im Leben eben nichts geschenkt. Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, heißt es. Auch beim Kochen kann man nicht immer über den niedrigen Zaun springen. Schon gar nicht bei Desserts. Da ist schon der Weg das Ziel. Aber gut, ich habe verstanden.

Um im Probelokal wieder eine Balance herzustellen, liefere ich für den Juni prompt ein ausgesprochen einfaches, aber äußert delikates Rezept. Und wenn es um Einfaches geht, das ausgezeichnet schmeckt, dann können Kartoffeln nicht weit sein.

Ob sich mein Jüngster hier auf die Kartoffeln freut? Oder angesichts der drohenden Vitamine protestiert?

So ein Salat
Meines Erachtens gibt es kaum ein besseres Gericht, als selbst gemachten Kartoffelsalat. Aber ein wenig spießig ist er schon, vor allem in der klassischen Version unserer Breiten, kombiniert mit Wurst, Brot, Bier und Sportschau. Außerdem gehört der traditionelle Kartoffelsalat für mich zum Herbst. Getoppt von Kernöl, Käferbohnen und Speck, verzehrt im Lichte der Oktobersonne.

Deshalb habe ich mich nach einer frühsommerlichen Variante umgesehen. Und ich bin fündig geworden. Derzeit vergeht keine Woche, ohne dass ich kleine Kartoffeln in diese würzig-frische Marinade aus Zitrone, Olivenöl und Kräutern tauche. Was für ein Aroma! So schmeckt der Sommer.

Mini-Kartoffeln ganz groß
Die Hauptrolle spielen kleine Kartoffeln, die es in gut sortierten Supermärkten gibt. Manchmal werden sie als „Raclette-Kartoffeln“ bezeichnet. Denn für dieses Gericht werden die Kartöffelchen nicht in Scheiben geschnitten, sondern im Ganzen verwertet. Die Mini-Knollen werden vor dem Kochen geschält und dann in gesalzenem Wasser rund 15 Minuten gegart. Ja nicht länger, aufgrund der Größe würden sie sonst zerfallen.

Während die kleinen Kartoffeln kochen, brutzelt der Spargel ohne Öl in der Grillpfanne.

Währenddessen waschen Sie die Bio-Zitrone unter heißem Wasser. Einen Teil der äußersten Schale reiben sie fein in eine Schüssel, dazu kommen der gepresste Saft, reichlich gutes Olivenöl, Salz und Pfeffer. Wer mag, streut eine großzügige Prise scharfes, geräuchertes Paprikapulver dazu. Ich kann darauf nie verzichten und neige zur Überdosierung. Auch eine fein gehackte Knoblauchzehe macht sich gut. Auch wenn manch Gast dann aus Angst vor einer Fahne protestiert.

Dazu kommt zur Krönung des Geschmacks und der Farbe ein großzügig gehäufter Esslöffel Ihres Lieblingspestos. Ich verwende im Frühjahr immer das Bärlauchpesto meiner Eltern. Es ist so fein würzig, dass ich die Knoblauchzehe weglasse. Man muss ja nicht übertreiben. Gut schmecken die Kartoffeln auch mit Rucola-, Basilikum- oder Kresse-Pesto. Am besten selbstgemacht, notfalls gekauft.

Stars am kalten Buffet
Dann kommen die abgetropften, unbedingt noch heißen Mini-Kartoffeln in die Marinade. Sie werden behutsam durchgerührt, damit sie nicht zerfallen. Im Idealfall ziehen die goldenen Zitronen-Kartoffeln nun für ein paar Stunden durch, bevor sie am Abend zu Stars am kalten Buffet avancieren.

Währenddessen lege ich mir die Musik für den ersten lauen Sommerabend zurecht. Angesichts des heute vorgestellten Gerichts hätten Sie sich vielleicht eine Empfehlung der „Goldenen Zitronen“ erwartet. Natürlich ist die Band Kult. Aber da ich noch unter dem Eindruck eines hervorragenden Konzertes von Calexico stehe, widme ich mich heute deren neuen Album „El Mirador“.  

Und das passt so wunderbar zu Frühsommer-Abenden. „Harness The Wind” klingt so harmonisch, wie die Zitronen-Kartoffeln schmecken. Und beim „El Burro Song“ pfeffern die Mariachi-Trompeten feurig um die Ohren. Der Song fühlt sich an, wie die Überdosis scharfen Paprikapulvers, die ich über die Schüssel gestreut habe.

Das erste maskenlose Konzert seit langem führte mich kürzlich zu Calexico. Eine Wohltat!

Sie merken, ich bin wieder beim Abendessen angekommen. Und frage mich: Geht diese Schüssel voller Glück noch als Kartoffelsalat durch? Handelt es sich dabei nicht längst schon um trendige Tapas, Mezze oder Antipasti? Und ist das nicht eher ein Hauptgericht als eine schnöde Sättigungsbeilage? Aber sicher!

Vor allem, wenn sie von gegrilltem Spargel (siehe Rezeptgeschichte vom Juni 2020), frischem Brot und südsteirischem Weißwein begleitet werden. Die goldenen Zitronen-Kartoffeln stehlen beim Grillen übrigens jedem Steak die Show. Gut so – wir brauchen schließlich neue Helden. Und degradieren das Fleisch dauerhaft zum Nebendarsteller.

Gegrillter Spargel – meinetwegen mit ein paar Speckwürfeln – passt wunderbar zu den Kartoffeln.

Keine Ausreden!
Falls Sie nicht warten können, bis die Marinade tief in die kleinen Kartoffeln einzieht, können Sie den Salat natürlich auch gleich essen. Da die Kartoffeln so schnell gar sind, ist das Gericht flotter zubereitet, als viele Fertiggerichte. So rasch kommt auch der noch so flinke Lieferando-Bote nicht bei Ihnen zu Hause an.

Ausreden gibt es auch bei den Kosten keine. Für eine ordentliche Schüssel dieser Kartoffeln müssen Sie höchstens 3, vielleicht 4 Euro berappen. Selbst bei guter Qualität der Produkte, bei Bio-Zitrone und bestem Olivenöl. Da kann sich die Inflation noch so bemühen, Ihnen das Leben schwer zu machen. Den einfachen Genuss wird sie Ihnen nicht nehmen.

Zutaten für 2 hungrige oder 4 locker snackende Personen:
1 Kilogramm kleine, festkochende Kartoffeln, 1 Bio-Zitrone, 8 Esslöffel Olivenöl, 1 gehäufter Esslöffel Pesto, Salz, Pfeffer. Optional: Scharfes, geräuchertes Paprikapulver und, falls Sie kein Bärlauch-Pesto verwenden, eine fein gehackte Knoblauchzehe. Dazu gerne Brot, grüner Spargel und etwas Weißwein.

Musik:
Album „El Mirador“ von Calexico, erschienen im April 2022, Label City Slang

Post Author: Dan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may also like

Focaccia und Club-Sandwich

Ein bisschen Frieden.

Mais-Suppe

Der Sound der Krise.

Hereinspaziert und ausprobiert

Willkommen in Dan’s Probelokal!
Auf dem Menüplan dieses Online-Lokals stehen stets frische Rezeptgeschichten. Als Beilage gibt es musikalische Entdeckungen und kritische Blicke auf unsere Gesellschaft.

Newsletter-Anmeldung
Wer sich für den Newsletter anmeldet, bekommt die Rezeptgeschichten immer vorab, frisch und heiß serviert. Senden Sie einfach eine E-Mail mit Betreff „Newsletter“ an dan@probelokal.com. Ihre Adresse wird natürlich nicht weitergegeben. Bis bald!

Folgen Sie Dan’s Probelokal

In Arbeit

Wermutstropfen

Der Verbrauch von Wermut im Probelokal ist erstaunlich hoch. Das liegt daran, dass der mit Gewürzen und Kräutern verfeinerte Weißwein (zB aus dem Hause Noilly Prat) fixer Bestandteil von Saucen und Risotto ist. Auch als Aperitif ist er nicht zu verachten. Unlängst habe ich ein großes Einmachglas mit südsteirischem Weißwein, etwas Weinbrand, frischem Wermut-Kraut und einigen Gewürzen angesetzt. Schon in wenigen Wochen werde ich ein paar kleine Flaschen mit hausgemachten Wermut abfüllen. Die Vorfreude ist groß!

Politisches Essen

Der Maissalat im Probelokal zeigt Flagge. Für ein friedliches Europa!

Zweite Wahl

Im Probelokal werden viele Rezepte ausprobiert. Doch nicht aus jedem wird eine eigene Geschichte, weil schlicht die Zeit dazu fehlt. Deshalb sehen Sie hier wechselnde Gerichte zweiter Wahl.

Falls ich Ihnen ein Rezept dieser Spalte senden soll, dann schreiben Sie mir: dan@probelokal.com. Und wenn Sie wollen, dann spenden Sie als Gegenleistung dem Verein „Herzkinder Österreich“ ein paar Euro. Vielen Dank!

Rhabarberkuchen

Frühlingshaftem Rhabarberkuchen kann niemand widerstehen. Außer die zugelaufene Katz‘ – die hält gar nichts von solchen süß-sauren Feinheiten.

Oder:

Borschtsch

Zum ersten Mal in der Geschichte des Probelokals gab es Borschtsch – eine Spezialität in der Ukraine und in Russland mit Rinderbrust und viel Roter Bete. Ganz langsam gekocht in Gedanken an die vielen Menschen in den Krisengebieten.

Oder:

Knusprige Kartoffelknödelchen

Sind es zu groß geratene Gnocchi? Oder zu klein gerollte Knödel? Oder gar zu runde Schupfnudeln? Egal, diese kleinen Knödel aus Kartoffelteig schmecken vorzüglich. In brauner Butter geschwenkt, vielleicht noch mit ein paar Speckwürfeln. Alpen-Streetfood vom Feinsten!

Rezept-Geschichten